Montag, 20. Februar 2017

GASTARTIKEL . Die Erwartung eines Mädchens, welches ein Junge wurde.

Mit diesem Artikel versuche ich mir von der Seele zu schreiben, was ich nicht aussprechen kann. 
Ende Juli erfuhr ich, dass der Zauber ein zweites Mal bei uns eingezogen ist und wir Baby Nummer 2 erwarten würden. Von Anfang an verlief die Schwangerschaft anders als die erste. 

Der erste Termin bei meiner Frauenärztin war alles andere als erwartet. Natürlich hofft man, dass alles gut ist, dass diese Schwangerschaft reibungslos verläuft und man die Unsicherheit, die Angst und die Sorge schnell verliert. Doch es kam anders als gedacht und anders als erwartet. 

Ein Ultraschall wurde gemacht. An der plötzlichen Ruhe und Konzentration meiner Ärztin erkannte ich, dass etwas nicht stimmt: "Frau R, sie können dieses Baby jederzeit verlieren. Ich möchte Ihnen keine Angst machen, aber ich möchte Sie vorbereiten." Dieser Satz wohnt noch heute tief in meinen Gedanken und hat sich als schlimme Erinnerung eingebrannt. 
Ein Hämatom hatte sich direkt an unserem Baby gebildet und es gab genau 3 Möglichkeiten: Endweder alles verlieren oder das Hämatom löst sich und das Baby bleibt oder aber beides behalten. Der Gedanke, dass einer dieser Optionen den Abgang unseres Babys bedeuten würde, war der Schlimmste. Ich war verunsichert, ich hatte Angst und ich war auf der Hut. Jeder Tag, der ruhig verlief war wie ein Segen, war gefühlt doch wieder ein Stückchen geschafft. 

Die Wochen und Termine zogen immer ein Gefühl der Angst, des Bangens und der Ungewissheit mit sich. Das erste Trimester gab es daher auch einen 2-Wochen-Rhythmus, was die Termine betraf.  Das Hämatom blieb und unser Baby auch. Nachdem die 12. Woche überstanden war, wurden wir ruhiger, dennoch blieb die Angst. 

In der 22. Woche dann das Outing. Ich war unheimlich aufgeregt und gespannt.

Ein Mädchen. Ein kleines süßes Mädchen. Tatsächlich! Die Freudentränen waren nicht mehr zurückzuhalten, da dieses Baby das Letzte sein soll. Umso größer also die Freude, dass es für unseren Erstgeborenen eine kleine Schwester geben sollte. In dem Moment fühlte ich mich komplett, meine kleine Familie fühlte sich komplett an. Der Wunsch nach einer Tochter war bis dahin so stark, dass dieses Outing mich völlig aus der Bahn warf und all meine Gefühle überhand nahmen. 

Ich habe eine kleine Schwester und ihre Sachen schon im Keller gelagert, die nicht mehr benötigt wurden, nur für den Fall, es kommt ein Mädchen bei uns nach. Ihr könnt euch sicher denken, wie schnell die Kartons ausgepackt, gewaschen, gebügelt und einsortiert waren. Ihr Name war schnell klar. In dieses Kinderzimmer zu gehen, die Schränke zu öffnen und zu sehen, dass ein Traum wahr wird, es war unbeschreiblich. 

Die Zeit verging gefühlt .... gar nicht. 

Ich konnte es nicht abwarten bis sie endlich da war und unsere kleine Familie auf eine unglaubliche Ar komplett machen sollte.

In der 26. SSW wurde ich mit unglaublichen Nabelschmerzen in ein Krankenhaus eingeliefert. Verdacht auf Plazenta-Ablösung. Ein Schock. Was für einer! 14 Wochen zu früh, das geht einfach nicht. Während des Ultraschalls habe ich am ganzen Körper gezittert. Aus Angst, vor Aufregung und vor lauter Schmerzen. Es tat wirklich höllisch weh, es war mit keinen Wehen zu vergleichen. Die Oberärztin sag es mir ganz deutlich und ließ nicht viel Spielraum - Überlieferung in eine Spezialklinik. 

Der Verdacht wurde nicht bestätigt. Woher diese Schmerzen kamen, weiß ich bis heute noch nicht. Es wurden etliche Ultraschalls gemacht. Nach 2 Tagen durfte ich nach Hause. Zufrieden war man irgendwie nicht. Wie auch, man fährt in ein Krankenhaus in der Hoffnung, dass geholfen wird und man kommt raus und weiß gar nix. Im Gegenteil, man ist verunsichert, ob man alles richtig macht und ob man sich nicht überanstrengt o.Ä.. 

Meine Frauenärztin fand auch in ihren Nachuntersuchungen nix, also lief die Schwangerschaft "normal" weiter und ich durfte wieder arbeiten gehen. Ein Beschäftigungsverbot wollte sie mir bis zur 34. SSW einfach nicht zusprechen. :-( (3 Tage vor Mutterschutz-Beginn stellte sie es dann endlich aus. Ich fühlte mich aufgrund der vielen Beschwerden überhaupt nicht fair behandelt und absolut missverstanden, hätte ich doch schon viel eher zu Hause bleiben wollen.)

Februar - 34. SSW

Unser Großer wurde nachts wach, weinte, wollte zu uns ins Bett. Er kam zu uns und wir mussten zeitgleich zur Toilette. Mein Freund ging gerade wieder die Treppe rauf, als ich ihm zurief, er solle sofort den Krankenwagen rufen. Ich habe so etwas noch nie in seinem Gesicht gesehen. Er hatte natürlich unheimlich Angst. Um seine Tochter und um mich. Ich war voller Blut. Ich wusste nicht, was ich machen soll. Stehen bleiben, hinlegen? Ich legte mich auf die Couch. Während wir auf den Krankenwagen warteten, packte er mir alles zusammen. Mein Freund war bis dato sehr zurückhaltend, wenn es darum ging, meinen Bauch anzufassen. Er liebt seine Kinder über alles, aber das Gefühl, zu spüren, dass etwas aus meinem Bauch tritt, jagte ihm riesigen Respekt ein. In dieser Nacht tat er etwas und ich habe es noch in Erinnerung, als wäre es gestern gewesen. Er legte seine Hand auf meinen Bauch und sprach unserer Tochter zu, dass alles gut werden würde und das Papa sie liebt. Mit der Geburt unserer Kinder, trotz der Umstände, war das ein wahnsinnig schöner Moment, den ich mir sehr gerne zurückrufe. Natürlich hat es gefehlt, dass der Papa den Bauch berührt. Wem würde es nicht fehlen? Aber ich verlange nix, wenn es sich nicht gut anfühlt. Dieser Moment in dieser Nacht war etwas Einmaliges, aber so wahnsinnig intensiv. 

Die Fahrt ins nächste Krankenhaus war die schlimmste meines Lebens. Was nicht zwingend an der Tatsache liegt, wie ich erwacht bin. Einen so uneinfühlsamen Notarzt habe ich noch nie gesehen. Er versuchte mich wohl mit den Worten "Ich will direkt ins nächst gelegene Krankenhaus, ich will erstmal wissen, ob das Kind noch lebt. " zu beruhigen. Ihr könnt euch vorstellen, dass meine Tochter in diesem Moment keine Anstalten machte sich zu bewegen, um mir zu signalisieren, sie wäre noch da. Innerlich bat ich sie immer wieder, bitte beweg dich, bitte, bitte zeig mir, dass du noch da bist.

Kaum im Krankenhaus angekommen dann der erlösende Ultraschall. 

SIE LEBT!

Aufgrund von Wehen bekam ich direkt einen Wehenhemmer und die erste Lungenreife gespritzt. Da unser Krankenhaus nicht für derart frühgeborene Babys geeignet ist, erfolgte die Verlegung in die Uniklinik - mitten in der Nacht. Meinen Freund hielt ich natürlich auf dem Laufenden. Er hatte sich mit unserem Großen auf die Couch verzogen, da der nach dieser Nacht -ktion wohl nicht mehr einschlafen konnte. Auf eine gewisse Art und Weise wird er sicher gespürt haben, dass etwas nicht in Ordnung ist. 

Die Nacht blieb ruhig und ich kam auf Station. Woher die Blutung kam? Die Ärzte "tendieren" dazu , dass sich das Hämatom gelöst hat. Ich war gereizt. Wie kann es sein, dass man bei etlichen Ärzten in Krankenhäusern ist und ständig wird nur "tendiert" und "geraten"? Mich machte es wirklich sauer.

Am frühen Morgen wollte der Oberarzt einen weiteren Ultraschall durchführen.  Mit einem Lächeln im Gesicht und den Worten "Ein Mädchen!" beantwortete ich ihm die Frage, ob ich das Geschlecht schon wüsste. Schließlich war  ich bis zu dem Zeitpunkt bei 4 verschieden Geräten und Ärzten in der Zeit vom Outing bei meiner FA.

Und dann war es da, das Bild. Dazu die Aussage: "Frau R., es tut mir leid, aber das wird zu 99,9% ein Junge!".

Ihr könnt euch nicht vorstellen. was in diesem Augenblick in mir passierte. In mir ist etwas zerbrochen, ich war wie erstarrt. Du stellst dich 12 Wochen auf ein Mädchen ein, du gibst ihr einen Namen, du hast die Wände rosa gestrichen und die Kleidung in den Schrank gelegt. 

Was war da passiert ? Wie kann es sein, dass man so oft an den Geräten hängt, man immer von einer Tochter spricht und keiner dir sagt, dass es ein Sohn wird? Zurück im Zimmer bat ich meinen Freund zu mir zu kommen. Ich sagte es ihm nicht am Telefon. Könnt ihr euch sein Gesicht vorstellen? Ich hab es noch vor Augen. Er ist kein Mann der vielen Worte, in dem Fall musste er nix sagen. 
Ich glaube, er hat 1 Woche nicht wirklich drüber reden können, hat sich aber sehr schnell umgestellt. Die Freude, dass es seinem Sohn gut geht und er sich noch in Sicherheit befindet, zeigte sich schnell. 

Ich aber kämpfe an manchen Tagen heute noch damit. Nach unserem Sohn kamen in unserem Bekanntenkreis nur Mädchen auf die Welt. Ist es Schicksal? Ist es Karma? Ich habe an mir selbst gezweifelt. Warum passiert sowas mir ? Mir?! Ich bin da, wenn mich jemand braucht, ich betreue meine Freundinnen und helfe ihnen, wo ich kann, wenn sie Fragen haben bei ihren ersten Kindern. Hab ich ein Mädchen nicht verdient?

Unser zweiter Sohn ist jetzt 9 Monate alt und soll ich euch was sagen? Es ist wunderschön, genau so wie es ist. Er hat mir gezeigt, wie leicht, wie schön und wie vollkommen man sich fühlen kann. 

Er ist auf eine Art ganz besonders. Ich habe eine Verbindung zu ihm, wie ich sie nie erwartet hätte. Sein großer Bruder war ein sog. Schreibaby und liebe Julia, zeitgleich möchte ich dir für deinen Artikel (KLICK!) danken. Der, in dem es darum geht, ob man sich sein Traumbaby backen kann. Ich habe ihn mir zu Herzen genommen und unserem Sohn einen Start ermöglicht, der nicht ruhiger hätte sein können. Es war keine Hausgeburt, aber eine Ambulante mit viel Ruhe und einem WochenBETT, so wie es sein sollte. Ich habe mir eine Tochter gewünscht, eine Tochter erwartet, aber dieser kleine Junge macht unsere Familie auf seine Art komplett, wie es kein Mädchen gekonnt hätte.

A.