Sonntag, 29. Januar 2017

Gastartikel - Hinter den Kulissen eines Kinderheims.

Heimkinder – Das etwas andere Leben ganz normaler Kinder

Kinderheime, Heimkinder, das Leben in einer Wohngruppe. Themen, von denen man im Leben in der sogenannten „bildungsnahen Schicht“ nicht viel mitbekommt und mit denen man vielleicht auch erst mal nichts zu tun haben will.

Ich habe nach meinem Abi ein Jahr als FSJlerin in einem Kinderheim gearbeitet und bin auch danach als Ehrenamtlerin geblieben. Ich möchte euch ein bisschen davon erzählen, was ich so erlebt habe und mit so manchem Vorurteil aufräumen, dem ich begegnet bin. Zum Schutz der Kinder werde ich weder genauere Angaben über das Kinderheim machen und die Namen der Kinder ändern. Ich denke, das versteht ihr.

In dem Kinderheim, in dem ich arbeite, leben über hundert Kinder in ganz unterschiedlichen Wohngruppen und aus ganz unterschiedlichen Gründen. Wir haben Intensivgruppen, Jugendgruppen, Verselbstständigungsgruppen, Außenwohngruppen, Wohngruppen für Kleinstkinder, eine Gruppe für junge Mütter, teilstationäre Gruppen und ambulante Angebote. Das Angebot ist vielfältig und trotzdem würden mir noch Angebote einfallen, die es dort nicht gibt. Ich arbeite in einer Gruppe, in der momentan acht Kinder im Alter von 4 bis 15 Jahren leben, aber das ändert sich immer mal wieder. Denn (und hier das erste Vorurteil) die Kinder leben nicht für immer im Heim, zumindest sollte dies nicht so sein. Das Heim ist bei vielen Kindern nur eine Zwischenstation, es gibt aber dennoch Kinder, die schon seit vielen Jahren dort leben und bei denen auch kein Auszug in Sicht ist. Das hängt auch immer mit der Geschichte der Kinder zusammen und glaubt mir: Keine Geschichte gleicht einer anderen. Jede Geschichte ist so einzigartig wie auch jedes Kind einzigartig ist.

Von einer Geschichte möchte ich euch erzählen. Ich war bei der Aufnahme dieser beiden Kinder quasi unmittelbar dabei. Ich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht sehr lange in der Gruppe und es war eine der ersten Aufnahmen, die ich mitbekam und bis heute habe ich zu diesen beiden Kindern ein ganz besonders enges Verhältnis. Aber fangen wir von vorne an: Die erste Begegnung hatten wir in einer anderen Gruppe, da ich beide gegen Mittag dort abgeholt habe und mit ihnen über den Hof in unsere Gruppe gegangen bin. An der einen Hand Lukas (2 Jahre) und an der anderen Hand eine Tasche mit ein paar Klamotten. Sophia (7 Jahre) lief neben mir her. Es war schwer ein Gespräch anzufangen. Worüber sollte ich mit den beiden reden? Vergangenheit, Familie, Eltern und zu Hause waren als Themen eher nicht geeignet. Ich glaube, schlussendlich unterhielten wir uns darüber, was es zum Mittagsessen geben wird. Das war auch das erste, was in der Gruppe für die beiden anstand. Mittagessen! Sophia war auf den ersten Blick recht „pflegeleicht“. Der Kleine jedoch verweigerte das Essen zunächst komplett. Er kannte weder Kartoffeln noch das Gemüse. Ich glaube es waren Möhren, Blumenkohl und Brokkoli. Einzig der Schokopudding zum Nachtisch schmeckte ihm. Ansonsten verbrachte er das Mittagessen eher mit Weinen und Jammern. Anschließend suchten wir für beide eine passende Bettwäsche aus, bezogen die Betten und durchsuchten die Vorratsschränke nach passender Kleidung. Die Kleidung, die in der Tasche gewesen war, hatte ich erst einmal in die Waschmaschine gestopft. Denn sie roch nach einer Mischung aus Zigaretten, Hund, Feuchtigkeit und Schmutz. Nicht sehr angenehm und auch nach dem Waschvorgang (mit allen Extras, die unsere Waschmaschine zu bieten hatte) war dieser Geruch noch nicht ganz verflogen. Bis hierher hatten wir noch keine Informationen darüber, wo die Kinder herkamen und was ihre Geschichte war. Wir wussten einzig und allein ihre Namen und das, was wir in den letzten vier Stunden über sie erfahren hatten. Da war bei dem Kleinen zum Beispiel eine Faszination für Polizisten (O-Ton: „Ich bin Polizei“) und bei der Großen die Schulprobleme, denn sie guckte mich ganz erstaunt an, als ich ihr erklärte, dass sie selbstverständlich jeden Tag in die Schule gehen wird. Die Faszination des Kleinen stellte sich später eher als eine Art Trauma heraus, als wir erfuhren, was sich an diesem Morgen in der Familie abgespielt hatte. Die Polizei hatte in den frühen Morgenstunden dieses Tages mit Spürhunden die Wohnung gestürmt und die Mutter der Kinder war verhaftet worden.

Die Mutter ist inzwischen entlassen, aber die Zwei sind aus mehreren Gründen immer noch bei uns. Sie haben sich gut eingelebt, sind angekommen und wir können auf unheimlich viele schöne und auch nicht so schöne Erlebnisse zurückblicken. Da waren unendlich viele Spielplatzbesuche, Lukas‘ Trockenwerden, das gemeinsame Vorlesen am Abend, viele Kuscheleinheiten und viel Wiedersehensfreude, wenn ich mal zwei Tage nicht da war (...zB. am Wochenende). Aber auch unzählbar viele Diskussionen über Sophias Hausaufgaben, die nicht selten in Wutausbrüchen ihrerseits endeten, Lukas‘ fast tägliche Wutausbrüche, weil er mal wieder nicht hören wollte, seine Begegnung mit der heißen Herdplatte, seine panische Angst vor den Raketen an Silvester und Sophias panische Angst vor dem Zahnarztbesuch, den wir letztendlich eine halbe Stunde zu spät und mit einer weiteren Erzieherin und einem weiteren Kind als Unterstützung doch mehr oder weniger erfolgreich meisterten.

Ich erinnere mich an jede einzelne Situation mit Sophia gerne zurück. Als sie schon etwa ein halbes Jahr in der Gruppe lebte, erklärte sie mittags am Esstisch einem neuen Kind, dass es sich für sie am Anfang zwar auch komisch angefühlt habe, hier zu sein, die Gruppe aber inzwischen zu ihrem zu Hause geworden sei, sie sich hier „pudelwohl“ fühle und sie die Erzieherinnen fast genauso lieb hätte, wie ihre Eltern.
Einige Zeit später bin ich mit ihr auf dem Weg zu ihrer Therapiestunde gewesen. Wir saßen gegenüber des Heims an der Bushaltestelle und warteten auf den Bus, als ein älteres Ehepaar kam. Die Frau erklärte ihrem Mann, dass da drüben das Waisenhaus sei. Der Mann erwiderte nur: „Die Armen!“.
Ich wendete mich schnell ab und hoffte, dass Sophia das nicht gehört hatte. Doch offenbar hatte sie ganz genau zugehört und verstanden, denn sie sagte: „Wir sind doch gar nicht arm, ich habe 37 € Taschengeld!“ 
Im Bus flüsterte sie mir dann leise zu: „Was ist eigentlich ein Waisenhaus?“. Ich überlegte. Wie sollte ich ihr diesen Begriff erklären, der so gar nichts mit dem zu tun hatte, was das Kinderheim eigentlich war? Denn in dem Kinderheim lebt kein einziges Waisenkind. Ich erklärte es ihr und wir einigten uns lachend darauf, dass die beiden wohl einfach keine Ahnung hatten.

Am liebsten allerdings erinnere ich mich an meinen Abschied als FSJlerin in der Gruppe (damals wusste ich noch nicht, dass ich kurze Zeit später wieder da sein werde). Wir hatten eine Grillparty veranstaltet und alle Kinder und auch das komplette Team waren gekommen. Als es dann spät wurde und der endgültige Abschied immer näher rückte und die ersten Erzieher sich verabschiedeten, hatte ich schon Tränen in den Augen. Doch erst als wir wieder in der Gruppe waren und ich mich von den Kindern verabschieden musste, wurde es richtig schwer. Denn ich konnte ihnen nicht mal richtig erklären, warum ich gehen musste. Wir standen minutenlang da und Sophia so weinen zu sehen, tat mir in der Seele weh. Sie schluchzte, die Tränen liefen ihr das Gesicht hinunter und ich hatte das Gefühl sie regelrecht im Stich zu lassen. Doch irgendwann musste ich gehen und draußen konnte auch ich mich nicht mehr beherrschen. Ich fiel meiner Kollegin in die Arme und ließ den Tränen freien Lauf. Aber schon in dem Moment wusste ich: Ich war nicht zum letzten Mal durch diese Tür gegangen. Und tatsächlich stand ich schon drei Tage später wieder auf der Matte, weil ich eine Unterschrift für meine Einschreibung brauchte.

Natürlich will ich nicht sagen, dass das Leben im Kinderheim für ein Kind optimal ist. In einer funktionierenden Familie aufwachsen zu können und Eltern zu haben, die es lieben, die sich um es sorgen und die es mit all ihren Möglichkeiten fördern, ist das Beste, was einem Kind passieren kann. Und natürlich ist es für die Kinder schlimm, nicht bei ihren Eltern zu sein. Sie vermissen ihre Eltern und sind enttäuscht, wenn diese am Telefontag mal wieder nicht angerufen haben oder wir ihnen immer wieder aufs Neue sagen müssen, dass wir auch nicht wissen, wann sie wieder nach Hause können.  Denn das ist natürlich der Wunsch (fast) aller Kinder. Und solche Situationen passieren leider sehr oft. Die Kinder freuen sich wochenlang darauf, dass sie Silvester mit ihren Eltern zu Hause verbringen können, damit die Eltern dann am 31.12 morgens bei uns anrufen und uns erzählen, dass sie jetzt für diesen Abend doch andere Pläne hätten. Sie versprechen neue Fahrräder und während dem Versprechen, wissen wir schon, dass es das neue Fahrrad nie geben wird. Beim nächsten Gespräch erzählen sie dem Kind dann, dass es ja Taschengeld gibt und es sich ja davon das neue Fahrrad kaufen könne.

Aber wir versuchen das Beste für „unsere“ Kinder zu geben. In manchen Zeiten fühlt sich die Gruppe auch für uns wie ein zweites Zuhause an. Wir leben dort tageweise mit den Kindern zusammen, feiern mit ihnen Geburtstage, Ostern und Weihnachten (und anders als manch einer meinen könnte, bekommen die Kinder auch eine ganze Menge an Geschenken). Wir begleiten die Kinder zum Arzt, zu Therapien, gehen zu Lehrergesprächen, mit den Kindern shoppen, Eis essen, in den Zoo, ins Schwimmbad, üben mit ihnen Fahrrad fahren, Inliner fahren, manchmal auch laufen, machen mit ihnen Hausaufgaben, sitzen gemeinsam mit ihnen am Esstisch, lesen ihnen vor, bringen sie ins Bett, lachen mit ihnen, schimpfen mit ihnen, spielen mit ihnen, trösten sie, wenn sie traurig sind, pflegen sie gesund, wenn sie krank sind und pusten ihre „Aua’s“ in den Himmel. Wir sind für sie da, weil ihre Eltern es momentan nicht schaffen, aus welchen Gründen auch immer.

Ich hoffe, ich konnte euch das Leben dort ein bisschen näher bringen und euch hat der Blick hinter die Fassade ein wenig zum Nachdenken angeregt. Und vielleicht habt ihr ja auch Lust bekommen ein Kinderheim zu unterstützen. Dann fragt doch in dem Kinderheim eurer Wahl einfach mal nach. Die können euch am besten sagen, was für Möglichkeiten es gibt. Vielleicht habt ihr aber auch keine Zeit, keine Motivation oder nicht genug Nerven. Vielleicht habt ihr selber Familie, eigene Kinder oder selbst „genug“ Probleme. Helfen muss nicht immer so viel Aufwand bedeuten. Vielleicht gibt es ja im Umfeld eures Kindes ein Kind, das im Kinderheim lebt. Ihr könntet mal fragen, ob die Kinder sich mal verabreden können und anbieten das Kind abzuholen und auch nachher wieder zurück zu bringen. Das kann im Gruppenalltag sehr hilfreich sein, ist aber auch wieder von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich organisiert.

Es gibt aber eine Sache zu der ich jeden einzelnen von euch aufrufen möchte: Begegnet Kindern, die im Heim leben, genau so offen, wie ihr es bei anderen Kindern tut. Manchmal sind sie vielleicht ein bisschen „anders“, aber deswegen keinesfalls weniger liebenswert. Schenkt ihnen kein Mitleid, damit können sie nichts anfangen, sondern begegnet ihnen mit Respekt und gebt ihnen das Gefühl, dass auch sie wichtig sind. Hört ihnen zu, wenn sie etwas zu erzählen haben, auch wenn es euch in dem Moment vielleicht nicht interessiert. Sie haben es in ihrer Vergangenheit nicht leicht gehabt und müssen lernen, wie sie damit ihr Leben leben können. Denn es ist ein Teil von ihnen. Und je offener wir alle damit umgehen und je mehr wir diesen Kindern die Chance geben ein Teil der Gesellschaft zu sein, desto leichter wird es ihnen fallen, ihr Schicksal als Teil von sich zu akzeptieren und für ihre Träume zu kämpfen.