Mittwoch, 28. September 2016

Schwangere wollen nicht hören, dass....

Vorab sei gesagt, bezüglich meiner Person liegen mir aktuell keine Informationen oder Erkenntnisse über eine mögliche Schwangerschaft vor. Also NEIN, ich bin NICHT schwanger, musste dennoch aus einem Gespräch heraus, diesen Post verfassen und mit euch teilen. ;-)

Schwangere sind sensibel, ich möchte sogar sagen, sehr sensibel. Nicht alle, aber ganz bestimmt sehr viele.

Speichert euch als Freunde, Geschwister, Eltern, Partner o.Ä. einer Schwangeren bitte Folgendes ganz, ganz fest ab:

Schwangere wollen nicht hören, dass ihr Babybauch für die dementsprechende SSW sehr klein oder sehr gross wirkt. Babybauch ist Babybauch und der eigene ist immer schön, ganz egal wie gross oder klein er ist.

Auch wollen sie nicht als erstes die Frage gestellt bekommen, ob sie gewollt oder ungewollt schwanger wurden. Ach, was sage ich, diese Frage verbietet sich KOMPLETT! 

Schwangere Frauen wollen auch nicht, dass ihr ungefragt einfach den Bauch anfasst und wie bei einem Hundekopf darüberstreichelt. Ihr dürft gerne vorher fragen. 

Schwangere sind grundsätzlich sehr glücklich über ihre Schwangerschaft und es spielt hierbei überhaupt keine Rolle, die wie viele Schwangerschaft es ist!! Reaktionen, wie z:B. "Was? Ihr habt doch schon 2 Kinder?!" dürft ihr für euch behalten.

Eine Schwangere freut sich nach dem Outing in den wirklich allermeisten Fällen über das Geschlecht ihres Babys, selbst wenn sie sich zuvor vielleicht heimlich, das jeweils andere Geschlecht gewünscht hat. Reaktionen wie "Ohh, schade." oder "Na dann wird es beim nächsten Mal vielleicht ein xy." sind einfach echt fehl am Platz. So richtig!

Auch wenn es stimmt und man sich eventuell mal zurücksehnen wird, wollen Schwangere - insbesondere beim Übertragen (!) - nicht zehnmal täglich hören, dass sie die Schwangerschaft noch geniessen sollen. Auch über den Satz "Raus kommen sie alle irgendwann!" kann man spätestens ab der 41. Schwangerschaftswoche nicht mehr lachen. ;-)

Da wären wir schon beim letzten, aber wirklich nicht zu verachtenden Punkt angelangt:

Bitte nicht zwei Wochen vor dem voraussichtlichen Entbindungstermin anfangen, die Schwangere täglich über das Handy oder auch persönlich daran zur erinnern, dass das Baby doch schon kommen könnte und über irgendwelche Pseudo-Fragen eigentlich nur wissen zu wollen, ob es denn nun schon losgeht oder das Baby sogar schon da ist, ohne das man bescheid wüsste! 
Ihr werdet es schon erfahren, versprochen! :-)




Ach, liebe Nicht-Schwangeren, die Liste könnte noch weiter fortgeführt werden, so lange ist der Mittagsschlaf unseres Babymädchen allerdings nicht. 

Wenn ihr euch an diese wenigen und eigentlich wirklich leicht umsetzbaren Punkte haltet, dann könntet ihr echt dicke Kumpels mit jeder Schwangeren werden! 

Chapeau!

Sonntag, 25. September 2016

GASTARTIKEL - Mama Sandra erzählt, warum sie während ihrer 2. Schwangerschaft ihre eigene Beerdigung plante.


Ich stelle mich kurz vor: Mein Name ist Sandra Röpe, ich bin mittlerweile 34 Jahre alt und Mama von zwei wunderbaren Jungs.

Bevor ich einen Einblick in unsere Geschichte gebe, möchte ich Dir, liebe Julia, von Herzen etwas sagen: Danke! Danke, dass ich einen Gastbeitrag auf Deinem Blog schreiben darf.
Liebe Leser, auch Euch danke ich dafür, dass ihr Eure kostbare Zeit gerade in meine geschriebenen Zeilen investiert. Los geht’s:

„Mama, ist Deine Brust immer noch krank?“ Die Worte unseres Sohnes Matthis* ließen mich innerlich zusammenzucken. Ich nahm Matthis in den Arm und schloss meine Augen, um mich ganz auf ihn zu konzentrieren. Was sollte ich sagen? Ich wich der Frage aus und meinte nur: „Matthis, noch ist die Brust krank, aber sie wird wieder gesund werden…“ Matthis strahlte. Herrje, er war noch nicht einmal 3 Jahre alt. „Reiß Dich zusammen“, sagte ich zu mir selbst. Matthis löste sich aus der Umarmung, hüpfte fröhlich zu seinem Spieltisch, schnappte sich aus seinem Arztkoffer das Stethoskop und kam fröhlich zu mir zurück. „Mama, ich mache Dich wieder gesund!“
Matthis wusste bereits, dass er einen Bruder bekommen wird. Ich war das zweite Mal schwanger. Matthis wusste aber auch, dass ich krank war…
Es war der 04.02.2015. An diesem Tag änderten drei ausgesprochene Worte einfach alles…

„Sie… haben … Krebs!“ Ich konnte den weiteren Worten der Ärztin kaum folgen, ich stand unter Schock. „Frau Röpe, Ihr Krebs ist äußerst aggressiv. Wir empfehlen Ihnen dringend, direkt mit einer Chemotherapie zu beginnen.“ Was? Mit gefasster Stimme stellte ich der Ärztin eine Frage: „Können wir mit der Chemotherapie nicht warten, bis unser zweites Kind geboren ist?“ Sie sah mich an, wog ihre Antwort gut ab und antwortete mit ruhiger fester Stimme: „Sie wollen doch Ihre zwei Kinder aufwachsen sehen, oder?“

Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich bereits in der 20. Schwangerschaftswoche. Es war für mich die schlimmste Erfahrung, die ich in meinem Leben je machen musste. Als die Ärztin meinte, dass ich Brustkrebs habe, brach für mich meine ganze Welt zusammen. Es änderte sich schlagartig alles. Ich hatte Todesangst. Angst, die ich kaum beschreiben kann.

Nach der Diagnose und dem Entschluss, eine Chemotherapie während der Schwangerschaft durchzuführen, war mein Kalender voll mit Arztterminen. Der Kleine musste ständig via Ultraschall kontrolliert werden. Vor jeder Ultraschalluntersuchung war ich sehr nervös. Aber jedes Mal sagte man mir „Alles in Ordnung, der Kleine wächst normal. Nichts Auffälliges zu entdecken!“ Bei der ersten Chemotherapie rumpelte unser Baby in meinem Bauch. Ich musste weinen, denn ich wollte das alles nicht! Trotz, dass ich es wollte! Das klingt verwirrend… Im Verlaufe der Behandlung kam nämlich die nächste Hiobsbotschaft: Der Krebs hatte bereits in die Leber gestreut. Hätte ich abgebrochen oder die Therapie nicht gemacht, wäre ich jetzt sehr wahrscheinlich nicht mehr am Leben.

Diese Zeit war eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Ich wollte nur normal schwanger sein und diese Schwangerschaft genießen. Aber das Leben gab mir eine weitere Aufgabe. Nämlich in der schönsten Zeit des Lebens auch die schrecklichste Zeit eines Lebens zu ertragen.
Von der Chemotherapie während der Schwangerschaft war ich lediglich etwas schlapp. Mir fielen die Haare aus und ich wurde blasser. Ansonsten konnte ich zum Glück relativ normal den Alltag meistern. Emotional war ich auf der einen Seite voller Euphorie, weil ich mich so freute, dass es dem Baby so gut geht. Andererseits war ich voller Angst, ich plante zwischendurch meine Beerdigung weil niemand mir sagen konnte, wohin mich mein Lebensweg führt, sprich ob ich das alles überlebe oder nicht. Eine Chemotherapie während einer Schwangerschaft wird nämlich niedriger dosiert als eine Chemo ohne Schwangerschaft.
Meine Ängste konnte ich kaum ertragen, aber mir blieb nichts anderes übrig, als stark zu wirken. Innerlich war ich am Boden. Äußerlich war ich gefasst, ich hatte ja auch schließlich noch unseren großen Sohn Matthis, dem ich keine Angst machen wollte. Es war extrem schwierig!

Mein Mann stand die gesamte Zeit hinter mir, war für mich da, fing mich auf, wenn ich wieder einmal zusammenbrach und Rotz und Wasser heulte. Häufig habe ich nach so einem Ausbruch das Gefühl gehabt, die Ängste schaden unserem Baby. Im Gegenzug habe ich dann für unser Baby gesungen, den Bauch sehr oft gestreichelt in der Hoffnung, er spürt es. Ich habe ihm immer wieder gesagt, dass ich große Angst um ihn habe. Genauso oft habe ich ihm gesagt, dass ich mir sicher bin, dass er diese Prozedur übersteht. Dass er es schafft und unbeschadet auf die Welt kommen wird.

Mittlerweile ist Noah* 16 Monate alt. Er entwickelt sich ganz normal und erfreut sich an jeder Kleinigkeit, so, wie Kleinkinder es einfach tun. Die Freude, ihn jeden Tag sehen zu dürfen und mitzuerleben, wie er wächst und sich macht, ist sehr groß und manchmal weine ich sogar vor Freude.




Ich bin weiter in Therapie, allerdings nicht mehr in einer Chemotherapie. Nach Entbindung bekam ich noch 8x eine andere Chemotherapie, die mich körperlich kaputt gemacht hat. Ich konnte teilweise kaum essen, war absolut k.o. und lag viel auf dem Sofa. Zum Glück hatte ich genug Unterstützung für beide Kinder. Es war sehr schwierig für mich, meine Mutterrolle kurzzeitig abzugeben. Aber ich habe mich damit irgendwann angefreundet. Denn jetzt kann ich die Rolle wieder ausüben. Zwar bin ich noch in einer so genannten Antikörpertherapie, aber davon habe ich keine Nebenwirkungen. Diese Therapie bekomme ich auf unbestimmte Zeit alle drei Wochen und sie hält das mittlerweile gute Ergebnis. Und ich bete und hoffe, dass es genauso die nächsten mindestens 50 Jahre bleiben wird. Dass der Krebs still bleibt und sich nicht wieder ausbreitet.

Jetzt noch einmal zurück zu Matthis: So ein tapferer kleiner Junge, der meine komplette Veränderung mitbekam (von langen blonden Haaren zu einer Übergangs-Bob-Frisur zur Glatze), der niemals die Krankheit mit der Schwangerschaft in Verbindung gebracht hatte, der niemals dem Baby die Schuld dafür gab, dass seine Mama plötzlich krank war… Das rührt mich bis heute zu Tränen. Der Matthis, der flapsig sagte: „Mama, meine Haare sind angewachsen, Deine stehen auf der Fensterbank“ (da stand auf einer Halterung meine Perücke), der Matthis, der immer Rücksicht nahm, der verständnisvoll reagierte, der ohne zu Meckern alles so annahm und mitmachte: Absolut Spitzenklasse!

Ich habe ein Buch über meine zweite Schwangerschaft geschrieben. Es heißt:

„Babybauch und Chemoglatze“.

Ich habe dieses Buch u.a. geschrieben, um Frauen Mut zu machen, um ein wenig Aufklärung zu leisten und auch, um diese Geschichte besser verarbeiten zu können. Einige Zeit nach der Diagnose hatte ich plötzlich das Bedürfnis zu helfen. Ich habe es mir zum Ziel gesetzt, zu helfen und ich habe das Gefühl, ich kann damit helfen. So spende ich z.B. für jedes verkaufte Buch (ob im Buchformat oder als eBook) 0,50 € an eine Krebshilfeorganisation meiner Wahl. Es kommen überwiegend Frauen auf mich zu, die unsicher sind, nochmal Fragen haben und ich berichte über meine Erfahrungen. Und manchen Frauen nehme ich weitestgehend die Ängste. Man ist halt so gesund wie man sich fühlt! Und das treibt mich an, weiterzumachen und offen mit dem Thema umzugehen.

Besucht mich gern auf meiner Homepage www.babybauchundchemoglatze.de, um Euch ein Bild über mich und meine Arbeit machen zu können.

Nun bin ich am Ende angelangt. 

Ich danke Euch, dass Ihr Euch Zeit genommen habt, den Gastbeitrag zu lesen. Ich wünsche Euch allen ein glückliches und vor allem gesundes Leben!

Sandra
*Namen geänder


// P.S.: Wer "seine Geschichte" hier ebenfalls veröffentlichen möchte, darf sich gerne per Mail an mich wenden (info@loeckchenzauber.de!) Ich freue mich auf eure Mails! Gruss Julia

Dienstag, 20. September 2016

Quietschbuntes Kuschelvergnügen - Build A Bear


Übersetzt: Baue einen Bären – so heißt das Ladengeschäft bei uns, an dem ich die große Schwester nur schwer vorbei bekomme, ohne dass sie mir erzählt, wie cool doch der nächste Kindergeburtstag dort wäre oder welche Kleidung sie beim nächsten Mal welchem Kuscheltier anziehen möchte.

Schon vor zwei Jahren durfte sie in Berlin einen Build-A-Bear-Store aufsuchen, um dort ein Kuscheltier zum Leben zu erwecken. Ihr müsst wissen, sie hortet Kuscheltiere regelrecht. ;-)

Nun war es so, dass wir um diese Vorliebe eben sehr genau wissen. Es war also ein absolut feiner Schachzug von uns, ihr einen Build-a-bear-Gutschein in die Schultüte zu stecken.

Direkt nach dem ersten Schultag zogen wir also zu viert los. Und damit ihre kleine Schwester nicht leer ausgeht und empört zusieht, durfte sie sich natürlich auch ein kleines Tier aussuchen. (Ok, es war nicht klein.) Das Schulkind hatte immerhin das begehrenswerte Privileg, ihr auserwähltes Tier noch von Kopf bis Fuss nach ihren Wünschen einzukleiden.




Für die kleine Schwester entschieden wir uns für den Fisch DORIE aus dem Film „Findet Dorie!“. 
Er war es, den sie sich als erstes schnappte, also fiel die Entscheidung schnell. Auch die Grosse wurde zügig fündig.



Für die (größeren) Kinder ist der Aufenthalt in einem Build-a-Bear-Store ein einziges Abenteuer. Das Personal ist nach unseren Erfahrungen super geschult und wirklich sehr, sehr kindgerecht und unterhaltsam. Die Kinder sehen beim Erstellen ihres Tieres allesamt stets verdammt happy aus. Beobachtet das doch mal durch die Scheibe beim nächsten Mal. ;-) Teils ist es wirklich unverkennbar süß anzuschauen.



Nachdem man sich für ein Tier entschieden hat, darf man sich aussuchen, ob das Kuscheltier einen echten Herzschlag bekommen soll. Diesen kann man später dann für kurze Intervalle immer wieder einschalten. Das Gleiche gilt für einen Sound, hier kann man zwischen unterschiedlichen Geräuschen und Liedern wählen. Unsere Dorie kann jetzt auch Knopfdruck fröhlich singen, während in der feinen Affendame ein Herzchen schlägt. Man kann alternativ sogar beides kombinieren.

Nun heißt es, die Tiere müssen „Zum Leben erweckt werden“. Dafür werden sie mithilfe der Kinder mit Füllwatte ausgestopft, außerdem kommt ein (weiteres) Herzchen hinein. Ein paar süße Szenen zwischen Mitarbeitern und dem jeweiligen Kind später, werden die Kuscheltiere von ihren neuen Besitzern noch gekämmt und gestriegelt und tadaaa, fertig ist ein Build-A-Bear-Kuscheltier.

Für das Schulmädchen ging der Spaß nun richtig los. Die Affendame bekam neben ihren Absatzschuhen sogar ein Unterhöschen angezogen. Das Gesamtergebnis dürft ihr direkt hier bewundern:


Man könnte meinen, der Affe gehört einem Mädchen, oder was sagt ihr? ;-)




Nachdem es nun noch eine Geburtsurkunde, kleine Schleifchen und ein richtiges Häuschen für beide Tiere gab, verließen wir zu sechst das Geschäft, denn wir waren um zwei Mitbewohner reicher.






Wenn ihr Build-A-Bear gerne einmal kennenlernen oder euren Kindern diesen Spaß ein weiteres Mal gönnen wollt, habe ich sogar einen Gutschein für euch. Mit dem Code 890372 erhaltet ihr bis einschl. 30.10.2016 glatt 15% Rabatt. Diesen könnt ihr sowohl im Onlineshop als auch in einem Geschäft vor Ort einlösen. Eine Liste aller Shops findet ihr HIER.

Erzählt doch mal, wer von euch schon in einem Store war und wie es euch und euren Kinder gefallen hat! Ich freue mich auf eure Kommentare!

Ganz liebe Grüsse
eure Julia



W.E.R.B.U.N.G.

Sonntag, 18. September 2016

GASTARTIKEL - Emotional berichtet Vanessa über das Familienleben mit ihrem ersten Pflegekind


"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
-Hermann Hesse-

Mit diesen wunderschönen, so berührenden Worten möchte ich mich euch vorstellen. Mein Name ist Vanessa, ich bin 35 Jahre jung und von Herzen eine glückliche Mutter von drei Kindern.
Dir, liebe Julia, möchte ich danken, für Dein Vertrauen, für die Möglichkeit und für den Raum, den Du mir auf deinem so zauberhaften Blog zur Verfügung stellst.

Unsere Geschichte ist mir eine besondere Herzensangelegenheit und ich hoffe, ihr habt Verständnis, dass ich den Namen, der kleinen Hauptperson, ändern muss. Ich werde sie liebevoll „Mogli“ nennen, wie das Kind, was aus dem Dschungel kam und ebenfalls einer „Herzfamilie“ angehörig war.
Genau heute, vor vier Jahren klingelte gegen 14.20 Uhr das Telefon. Ich erkannte gleich die Nummer unseres Jugendamtes und mein Herzschlag setzte eine Millisekunde aus, um dann umso schneller weiterzuschlagen.
So viele Wochen und Monate wurden wir in diversen Seminaren und Schulungen für werdende Bereitschaftspflegeeltern auf diesen Moment vorbereitet und nach nur zwei Wochen „standby“ sollte es schon so weit sein?!
Nur 20 Minuten nach den wichtigsten Fragen, weshalb, welche Umstände, wie alt etc., saß ich schon im Auto und fuhr mit zittrigen Händen in Richtung Jugendamt, um dort ein drei Wochen junges Babymädchen abzuholen, welches ab genau diesem Moment für unbestimmte Zeit einen sicheren Platz in unserer Familie benötigen würde.
So viele Dinge gehen einem in diesem Moment durch den Kopf. Ist es wirklich die richtige Entscheidung gewesen, sich für die Bereitschaftspflege zu entscheiden? Was macht das alles emotional mit meinen Kindern und mit mir?

Meine Kinder waren zu diesem Zeitpunkt 14 und 7 Jahre, somit aus dem Gröbsten raus und kognitiv und auch auf der Gefühlsebene in der Lage mit diesen Dingen, die Bereitschaftspflege mit sich bringt, zu verarbeiten.

Gleich die erste Begegnung mit „Mogli“ war wie Magie, so sehr hat sie mich berührt. Hilflos, schutzsuchend, so winzig, ein kleines verletzliches Wunder. Ich kannte weder ihren Namen, noch sonst irgendwelche relevanten Fakten und doch war sie mir so nah.

"Moglis“ Eltern verabschiedeten sich von ihr. Sie waren mit der Inobhutnahme einverstanden und konnten sie gut gehen lassen. Sie wussten, es war nur ein vorübergehender Aufenthalt bei uns, denn eine Rückführung hat, wenn irgendwie möglich, oberste Priorität.

„Mogli“ verbrachte etwa fünf Wochen bei uns. Wir hatten in dieser Zeit nahezu tägliche Besuchskontakte mit ihren Eltern. Sie durften sie immer für etwa zwei bis drei Stunden im Jugendamt abholen und mit ihr spazieren gehen, oder bei schlechtem Wetter, die Zeit dort mit ihrer Tochter verbringen. Die Kontakte verliefen häufig nicht nach „Moglis“ Bedürfnissen, sodass es schwierig war, sie an einen festen Rhythmus zu gewöhnen. Wenn „Mogli“ zur Ruhe kam, man ihr Zeit gab, konnte man ihr bei der Entwicklung förmlich zusehen. Sie trank gut, ihr Stoffwechsel kam langsam in Gang und sie öffnete immer öfter, wenn auch zaghaft ihre dunklen Äuglein, die einem, so schien es mir, mitten in die Seele blicken konnten. Ihr Blick hatte etwas so Weises, etwas Wissendes. Ich glaube, sie konnte in meinen Augen lesen, was ich für sie empfand. Kennt ihr dieses Gefühl?

Nach diesen fünf Wochen konnte sie sich selbstständig melden, wenn sie etwas benötigte, sie wurde wach, wenn sie Hunger hatte oder wenn sie nach einer frischen Windel verlangte und sie gurgelte, wenn sie einfach nur auf den Arm wollte.

Es kam der Tag X, viel zu schnell, viel zu unerwartet.

Nach richterlichem Beschluss sollte „Mogli“ mit ihrer Mutter in eine Mutter-Kind-Einrichtung ziehen, um dort die Bindung aufzubauen, die ein Kind zwingend benötigt, um sich entwickeln zu können. Bindung, Stabilität und ganz allgemein die Versorgung, sollten in der Mutter-Kind-Einrichtung gefördert werden. Ich fuhr also mit unserer Sozialarbeiterin und „Mogli“, in die Einrichtung um sie nach einer kurzen „Einweisung“; wieviel sie in welchem Abstand trinkt, wann und wie oft sie schläft und welche Rituale ihr helfen, sich sicher zu fühlen, an ihre Mama zu übergeben.

Ein letzter Blick, das letzte Mal ihren Duft einatmen, und dann die Türe ist zu. Was folgt? Jede Menge schwarz, Tränen, der emotionale Supergau.

Genau das ist mein Job. Für gewisse Zeit für Stabilität und Nestwärme zu sorgen! ich wusste, unsere Zeit war begrenzt. Ich wusste das alles… Vorher..! Aber vorher ist nicht nachher…
Sieben Wochen, voller Sorge, sieben Wochen, die mich das Beten gelehrt haben, es möge nichts passieren und sieben Wochen, die ich morgens nur für meine drei Lieblingsmenschen aufgestanden bin. Meine Kinder und mein Mann, wir sind in dieser Zeit sehr zusammengerückt, haben uns Halt gegeben. Die Geschichte um die leibliche Familie von „Mogli“ war sehr komplex. Dennoch, ihre Mama hat die Chance verdient, es zu schaffen, für ihr Kind zu kämpfen. Ich gönnte es ihr als Mensch, von ganzem Herzen. Aus Gründen des Respekts vor „Moglis“ Familie, kann ich nicht näher darauf eingehen, doch war ein Scheitern vorhersehbar.

Dann, der für mich erlösende Anruf, dass sie schon am nächsten Tag zurückkommen würde. 

Ich hatte Angst. Was machen 7 Wochen mit einem Baby? Sie war inzwischen 15 Wochen jung. Der Moment, sie wurde uns nach Hause gebracht, sie schlief im Maxi Cosi und öffnete erst nach ein paar Minuten die Augen. Sie schaut mich mit ihrem Blick an und lächelt sanft, sie liest, alles was ich ihr zu sagen habe, sieht sie in meinen Augen.

Ich erfuhr nur in Ansätzen was in der Zwischenzeit alles passiert war. „Mogli“ war auf Verdacht etwa drei Wochen in einem Krankenhaus gewesen, weil man schwerwiegende Störungen vermutete. Sie war in ihrer Entwicklung so weit zurück, dass man eine geistige Einschränkung nicht ausschließen konnte. Für eine eingehende Diagnostik war sie jedoch viel zu klein. Das würde warten müssen.

Nachdem „Mogli“ wieder bei uns eingezogen war, ließen wir ihr alle Zeit der Welt, wieder anzukommen. Zu verarbeiten und zur Ruhe zu kommen. Wir waren mehrere Wochen damit beschäftigt, ihren Lebenswillen wieder zum Erwachen zu bringen, sie wieder dazu bringen, Nahrung einzufordern, Bedürfnisse anzumelden. Ihre körperliche Entwicklung stellten wir ganz hinten an. Zu sehr war „Mogli“ mit anderen Dingen beschäftigt. Leises Vertrauen aufzubauen. Was hat sie wohl gedacht, in dem Moment, in dem ich sie verlassen musste? –Diese Gedanken verfolgen mich bis heute…

Nach vielen Monaten emotionaler Achterbahnfahrt, vielen schlaflosen Nächten und körperlicher und geistiger Erschöpfung, einer Gerichtsverhandlung und auch nach vielen Gesprächen mit dem Jugendamt, war endlich klar; 

Unser Herzenskind bleibt bei uns.


  
Es ist nicht üblich, aus Bereitschaftspflegefamilie, Dauerpflegefamilie zu werden. Die Bereitschaft ein Kind dauerhaft aufzunehmen ist größer, als nur für einen begrenzten Zeitraum. Die Angst vor dem Abgeben ist vielen zu groß. Inzwischen vervollständigt „Mogli“ seit vier Jahren unsere Familie und ist etwas ganz Besonderes. Ich lebe für  alle meine drei Kinder, liebe sie von ganzem Herzen. Ich habe zwei Bauchkinder und ein Herzenskind und fühle mich unendlich reich.

Wir kämpfen an vielen Fronten, gegen das Damoklesschwert, der Traumatisierung, erhalten und verarbeiten „Moglis“ Vergangenheit. Die aufgeschobene Diagnostik steht an. Und auch wenn ich mir so sicher bin, dass sie sich „nur“ etwas verzögert entwickelt und es mir als Mama ganz egal ist, wie langsam oder wie schnell sie lernt, ist es unabwendbar. Zu groß wäre die Gefahr der Überforderung im Kindergarten oder später in der Schule. Ich sehe die Diagnostik als Chance, sie zu schützen und nicht als Anhaltspunkt wie viele Therapien und Frühförderung wohl nötig sein werden um sie an die standarisierten Untersuchungsprogramme anpassen zu können.

„Mogli“ ist anders. Sie kann viele Dinge nicht, die sie eigentlich nach den modernen Entwicklungsbausteinen können müsste. Aber in diesen Bausteinen ist auch nicht vorgesehen, dass ein Kind fast 10 Monate auf die Sicherheit warten muss, ein festes Zuhause zu haben. Sie war wochenlang mit Überleben beschäftigt, für Entwicklung hatte ihr kleiner Organismus keine Zeit. Sie kann so viele andere Dinge. Dinge, die sie zu einem liebenswerten Menschen machen. Sie hat eine sehr ausgeprägte Wahrnehmung für ihre Umgebung, nimmt jedes noch so kleine Käferchen wahr, versorgt ihre Kuscheltiere mit einer wahren Hingabe und liebt es mir in ihrer Spielküche ausgiebige Mahlzeiten zuzubereiten.

Mir hat sie beigebracht, wir müssen lernen die Kinder dort abzuholen, wo sie stehen, ihnen Raum und Zeit für ihr ganz eigenes Tempo einzuräumen und natürlich zum richtigen Zeitpunkt mit Förderung der eigenen Stärken zu beginnen. Aktuell ist unser wöchentliches Highlight die Reittherapie. Regelmäßig muss ich schlucken, wenn ich sehe, dass sie loslässt, sich verlässt und sich traut, zarte Bindungen einzugehen.

Und manchmal, an den Tagen an denen sich ganz leise die Erschöpfung einschleicht, reicht ein Blick in diese dunklen Augen, so viel Liebe, so viel Dankbarkeit! „Mogli“ lehrt uns das Leben neu. Mit mehr Toleranz und mit noch mehr Demut, vor dem was wir haben und haben können.

D.A.N.K.E.

Meine Intention diesen Gastbeitrag für Löckchenzauber zu schreiben; Pflegekinder und Pflegefamilien haben immer noch viel zu häufig einen stigmatisierten Stempel. Ein Tabuthema! Ich wünsche mir mehr Aufklärung, mehr Informationen und mehr Menschen, die sich für dieses Herzensthema öffnen. Es geht um unsere Kinder, um Zukunft und um unsere Gesellschaft. Wenn ihr ein leises Flüstern in euern Gedanken hört, ich könnte mir das vorstellen, ich habe noch Platz im Herzen und im Haus, könnt ihr euch beim Jugendamt in eurer Stadt über alles ganz genau informieren. Es gibt in manchen Städten Informationsveranstaltungen. Es gibt den Verband für behinderte Pflegekinder, die für beeinträchtigte Kinder ein zu Hause suchen. Davor ziehe ich meinen Hut. Sehr lesenswert ist die Homepage www.moses-online.de auf der man zu allen Themen, die Pflegefamilien begleiten, Informationen bekommt. 

Ich würde mich wahnsinnig freuen, mit diesem Artikel viele von euch zu erreichen.

PS: Ich habe nach „Mogli“ weitere Kinder in Bereitschaftspflege betreut, die mich alle unterschiedlich berührt habe Aber „Mogli“ war unser Spiegel. Uns hat das Schicksal zueinander geführt. Es konnte gar nicht anders sein und es beweist, Kinder können auch im Herzen geboren werden 

„Mogli“ lebt bei uns als Dauerpflegekind und das voraussichtlich, so lange sie möchte. Sicherlich könnten ihre leiblichen Eltern diesen Beschluss jederzeit einklagen. In unserem Fall halte ich es jedoch für sehr unwahrscheinlich, dass ein Richter, diesem Antrag stattgeben würde. Eine Adoption ist leider zurzeit kein Thema, da dazu die Eltern ihr Einverständnis geben müssten. So darf „Mogli“ mit 18 dann selbst entscheiden (eine Namensänderung, wäre allerdings auch ohne Adoption möglich). Aber dafür ist „Mogli“ noch zu klein. Kinder sollten selber in der Lage sein, diesen Wunsch ganz bewusst zu äußern, denn für einige unserer Herzenskinder, ist ihr Name, die einzige Verbindung zu ihren Wurzeln.

Vanessa