Mittwoch, 27. Juli 2016

Warum Langzeitstillen gar kein Langzeitstillen ist und warum Toleranz mehr Beachtung bekommen sollte.


Liebe Mamas, liebe Papas und alle anderen, die es hierher verschlagen hat!


Ich weiss, einige warten bereits sehnlichst auf den Artikel über unseren Sardinien-Urlaub, um ihren eigenen Jahresurlaub für das kommende Jahr zu planen. ;-) Vorab muss ich allerdings etwas einschieben. Eine wahre Herzenssache. Wenngleich es mir nicht leicht fällt, werde ich versuchen, nicht all zu weit auszuschweifen, damit auch jeder ausreichend Zeit findet, bis zum Ende zu lesen. ;-) 

Ich bin ein absoluter Still-Befürworter. 

Schon jetzt fühlen sich die ersten Mamas, die ihr Baby mit dem Fläschchen füttern vermutlich schon fast angegriffen. Zumindest würden sie schon damit beginnen, sich zu rechtfertigen. Braucht ihr nicht. Für mich nicht.

Ich, und das sollten sich ganz viele zu Herzen nehmen und ebenso umsetzen, bin ein absolut toleranter Mensch, was Kindeserziehung angeht. Sollte das nicht selbstverständlich sein? Ich habe eine Freundin, die schon während der Schwangerschaft gesagt hat, sie möchte nicht stillen. Ich habe eine Freundin, die mit einem Wunschkaiserschnitt entbunden hat. Auch habe ich eine Freundin, die ihr Baby schon sehr, sehr früh im eigenen Zimmer schlafen ließ. Keine von ihnen habe ich deswegen weniger gern um mich herum. Natürlich reden wir darüber und natürlich, da bin ich auch ganz ehrlich, versuche ich sie schon mal mit sachlichen und emotionalen Argumenten, von einer anderen Richtung zu überzeugen. Allerdings ohne Bewertung ihrer Handhabung und am Ende entscheidet ohnehin jede Mama über ihren Körper und ihr Baby. Natürlich gemeinsam mit dem Papa. 

Was mich dazu gebracht hat, diesen Artikel zu schreiben, war ein kurzzeitiger Aufenthalt in der Notaufnahme eines Krankenhauses. Um es ganz kurz zusammenzufassen, es ging darum, dass ich noch stille und trotzdem ein Medikament für eine sehr ausgeprägte allergische Reaktion benötigte. Man war auch wirklich sehr bemüht, etwas Passendes zu finden, bis ich sagte, meine Tochter sei 17 Monate alt. 

Die darauf folgende Reaktion einer Ärztin nötigt mich dazu, diesen Artikel schnellstmöglich zu verfassen. Die Ärztin (!) lachte plötzlich lautstark los, sie plusterte nahezu und äusserte im selben Atemzug" "Na dann wird es ja ohnehin Zeit für das Abstillen. Wie können Sie sich das nur antun?! 17 Monate...." ...... Sie führte fort: "Die WHO empfiehlt doch inzwischen nur noch 4 Monate zu stillen. Hätte ich das damals bei meinem heute 9-jährigen Sohn gewusst, hätte ich mich sicherlich nicht 6 lange Monate gequält."

Puuuuh. Tief durchatmen, Julia. Du befindest dich gesundheitlich gerade in einer echt beschissenen Situation. Es wäre vielleicht nicht der ideale Zeitpunkt, mit einer Ärztin verbal (wenn auch durch Argumente überlegen) zu kämpfen. Aufgrund meines gesundheitlichen Zustands in diesem Moment hielt sich meine Wut tatsächlich selbst innerlich in Grenzen. Ich hatte gerade einfach andere Sorgen. Wenn ich jetzt an die Situation denke, könnte ich ehrlicherweise platzen. ;-)

Bis zum Ende meiner Behandlung liess ich es mir natürlich trotzdem nicht nehmen, sie über die tatsächlichen Empfehlungen der WHO (das ist übrigens die Weltgesundheitsorganisation) aufzuklären. Diese empfiehlt natürlich 6-monatiges Vollstillen. Anschliessend wird empfohlen, mindestens (!) bis zum zweiten Geburtstag nach Bedarf weiter zu stillen. Ich kann es mir irgendwie auch nicht erklären, wie es dazu kommen konnte, aber am Ende unseres dann doch noch ausführlichen Gesprächs, fand ich die Dame irgendwie sogar tatsächlich richtig nett. Ich sagte ja, ich bin tolerant. ;-) 

Liebe Mamas, diese Ärztin ist ein absolutes Paradebeispiel dafür, wie unwissend man sich durch unsere Welt bewegen kann. Abgesehen von der inakzeptablen Reaktion ihrerseits, die man wohl als fehlende Empathie bezeichnen könnte. Zumindest dann, wenn man es nett ausdrücken möchte.

Um nun aber irgendwann den Kern des Apfels zu erreichen: 

Mädels, eure Kinder, eure Wege! 

Wenn ihr für euch entschiedet, euer Baby über den ersten Geburtstag hinaus zu stillen, dann tut ihr das! Und nicht einfach nur still und leise, ich möchte euch darin bestärken, auch voll und ganz dahinter zu stehen! Ihr dürft auch ein 1 1/2 jähriges Kind diskret stillen , wo und wann ihr wollt!

Hier bei uns in Deutschland gilt man als Stillmama eines 17 Monate alten Kleinkindes schon als Langzeitstillende. Ich sehe das nicht so. Was sind denn 17 Monate auf ein ganzes Leben gesehen? Und wie jung sind 17 Monate? Langzeitstillen bedeutet für mich persönlich, wenn man über den 3. Geburstag hinaus stillt. Ist für mich persönlich undenkbar, kann ich bei anderen aber ganz wunderbar akzeptieren. Abgesehen davon sollte man auch da niemals nie sagen.

Egal, wie ihr euch entscheidet bzw. wie ihr im besten Fall euer Baby entscheiden lasst:

Es ist für euch und euren Nachwuchs der bessere Weg, denn es ist EUER Weg! Sollte es länger sein, als vielleicht gedanklich geplant (Ich selbst hätte vor einiger Zeit nie gedacht, dass ich "so lange" stille) und ihr fühlt euch genötigt, auf empörte Unwissende zu reagieren: 

Wie aus einem Wasserfall sollten sie aus euch heraussprudeln. Die ausreichend vorhandenen Argumente, die ihr eurem lächelnden Gegenüber aufzählen könnt.

Ein gestilltes Baby ist besser geschützt vor chronischen Krankheiten, vor Adipositas im Kindesalter und vor grundsätzlichen Infektionen. Gestillte Babys haben zudem ein geringeres Risiko später an einer Herz-Kreislauferkrankung zu erleiden. Die in der Muttermilch enthaltenen Omega-3-Fettsäuren sind wichtig für die Entwicklung des Gehirns. 
Ferner ist der Magen-Darm-Trakt besser geschützt, auch haben gestillte Kinder später weniger Probleme mit Infektionen am Mittelohr. Das Risiko für einen Herzinfarkt ist geringer, ebenso das Risiko für den plötzlichen Kindestod. Die Muttermilch unterstützt auch nach Vollendung des ersten Lebensjahr die Arbeit des Immunsystems des Kindes. Im zweiten Lebensjahr weist sie sogar eine höhere Konzentration an bestimmten Antikörpern und Enzymen auf. Kinder, die länger gestillt werden, sind Studien zufolge seltener krank und benötigen seltener eine Antibiotika-Behandlung. Muttermilch ist während einer Erkrankung des Kindes besonders wichtig, wenn das Kind das Essen verweigert, nicht aber die Brust, Stillen schützt in diesen Phasen vor einer Austrocknung und bietet die notwendigen Nährstoffe für die Genesung.

Diese Liste ist vermutlich endlos fortzuführen. Ein Screenshot für einen passenden Moment ist erwünscht. ;-) 

Langzeitstillen bringt keine Nachtteile mit sich, dafür leider eine Menge Vorurteile. 

Dabei ist doch unbedingt erwähnenswert, wie viel Nähe und Geborgenheit der Nachwuchs durch das Stillen erfährt. Ganz egal, was viele denken, seid euch sicher, FALSCH macht ihr hiermit sicher nichts. 

Ich wünsche mir an dieser Stelle eine grosse Portion Toleranz für uns Mütter, die ihrem Baby weiterhin diese Art von Nähe geben, auch über den ersten Geburtstag hinaus. Es ist einfach erschreckend, dass es teilweise als anstössig beschrieben wird, abgesehen davon, dass man Langzeitstillenden nachsagt, sie können keine intakte Liebesbeziehung zu ihrem Partner führen. Oftmals sind es jedoch die Grossfamilien, selten die Einzelkinder, die länger gestillt werden. So ganz geht die Rechnung dann also irgendwie nicht auf. ;-) Denn auch der Papa sieht, wie wohl sich Mama und Kind damit fühlen. Auch der Papa sieht, dass (in unserem Fall) das Kleinkind die Muttermilch noch einfordert. Warum also sollte man es verwehren? Es gibt keinen Grund dafür. 

Frauen, die länger als 12 Monate stillen, wird oft nachgesagt, sie können nicht loslassen. Ich kann sagen, ich von meiner Seite aus könnte sofort mit dem Stillen aufhören. Solange die Kleine es aber noch geniesst, gebe ich es ihr. Dabei ist es mir egal, ob ich damit einer Minderheit angehöre. Und ich schreibe bewusst KLEINE, ich mein, wir sprechen hier von einem 17 Monate altem KLEINkind? Ja, sie kann laufen und ja, sie kann auch alles essen. Aber ansonsten? Sie sind doch noch so klein, dass sie 24 Stunden komplett auf uns angewiesen sind. Warum in aller Welt ist es so unnormal, ihnen noch Muttermilch zu geben?




Wer uns bei Instagram folgt, wird wissen, dass ich bereits einen Abstillversuch unternommen habe und relativ schnell kläglich gescheitert bin. Vielleicht war ich zu diesem Zeitpunkt selbst ein Stück weit gelenkt von der Gesellschaft, ich weiss es nicht. Aber als ich merkte, es ist noch nicht an der Zeit, habe ich mit einem guten Gefühl sofort nachgegeben. 

Insbesondere in unseren Urlauben war ich zunehmend froh darüber, noch immer zu stillen.
Es hat uns allen vieles erleichtert.


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Liebe Mamas, wir alle haben eines gemeinsam. Wir wollen für uns und unsere Kinder nur das Beste. Das Beste bedeutet nicht für jeden das Gleiche und das ist auch gut so. Aber können wir unsere Kinder bitte toleranter erziehen, als viele von uns es heute sind?

Es wäre mir eine grosse Ehre, wenn sich nach diesem Artikel wenigstens EINE Mama weniger schlecht fühlt, weil sie ihr Kind über den ersten Geburtstag hinaus stillt. Traurig genug, dass es überhaupt viele Mütter gibt, denen dies tatsächlich unangenehm ist. 

Ja, wir sind hierzulande leider eine Minderheit. Na und? Wer sagt, dass wir nicht der bessere Teil sind? Diese Frage darf jeder für sich selbst beantworten, ohne die Antwort laut zu sagen. Auch das Schweigen gehört zur Toleranz. Ich kann schliesslich etwas tolerieren und zugleich gut finden, etwas anderes aber noch besser finden, oder?

Lasst euch, liebe Langstillende, nicht kleinmachen und vertraut euch und eurem Kind, welches in eurem Körper herangewachsen ist. 

Sehr schwer vorstellbar, dass aus einem Menschen, der in den ersten Lebensjahren unglaublich viel Liebe und Nähe erhalten hat, mal ein bösartiger Mensch wird. 

Intoleranz raubt wertvolle Lebensenergie, das ist es nicht wert. Weder für den einen noch für den anderen. Seid offener, seid selbstbewusst und macht das, was ihr für richtig haltet, ohne den anderen dabei zu bewerten oder gar zu verletzen.

Ich wünsche nun allen Mamas einen schönen Mittwochabend und hoffe, dieser Artikel wird nicht nur weitergehend verbreitet, sondern bewegt in dem einem oder anderen etwas. 

Liebe Grüsse
eure Zweifachmama Julia