Mittwoch, 23. November 2016

geliebt - verwöhnt - verzogen

Diese Schlussfolgerung scheint in vielen Köpfen so derart fest verankert, dass es mir ein inniges Bedürfnis ist, endlich über diese Fehlinterpretation zu schreiben. Liebe, auch sehr viel Liebe, schließt Erziehung nicht aus, keinesfalls tut sie das. Jedenfalls nicht unter unserem Dach.

Oft lese ich in den Weiten verschiedener „Social-Media-Kanäle“ davon, dass aus verwöhnten Babys unselbstständige und unerzogene Kinder werden. Ich kann einfach nicht verstehen, warum man diese Dinge miteinander vermischt. In meinen Augen hat das eine mit dem anderen überhaupt gar nichts zu tun. Als es vor kurzem um das Thema Familienbett ging, konnte mich eine Leserin in den Kommentaren der Facebookseite „Liebes Leben“ doch sehr amüsieren. Sie schrieb, dass wir bei unserem übertrieben liebevollen Umgang mit unseren Kindern ziemlich entspannt sein können, schließlich müssen wir ja später nicht 5 Tage die Woche „neben diesem Arschloch“ sitzen. ;-) Herrlich. Die Dame war kinderlos, was mich gleich noch viel mehr zum Schmunzeln brachte. Sie führte ihre Meinung weiter aus, in dem sie das Familienbett als „bockigen Willen“ unserer Kinder bezeichnete, dem wir nachgeben würden.

Das natürliche Bedürfnis nach Nähe und Liebe hat also etwas damit zu tun, dass wir dem Kind seinen „Willen“ lassen. Diese Aussage ist so haltlos und schwachsinnig, dass man als weise Mutter nur schmunzeln kann. Super hingegen fand ich die Antwort der Seiteninhaberin, denn sie konterte Folgendes:

„Du bist nicht mehr auf dem neuesten Stand! Genau das ist in soziologischen Studien bereits mehrfach deutlich widerlegt worden. Kinder die geborgen wachsen dürfen, verhalten sich im späteren Leben deutlich sozialer und verantwortungsbewusster. Die Arschlöcher im Büro sind eher die, die Nähe, Gleichwürdigkeit und Verständnis nicht erfahren haben, sondern Ellenbogen...“

Besser hätte ich es nicht formulieren können, liebe Steffi! Chapeau!

Eigentlich liest man heutzutage wirklich schon sehr, sehr viel Schönes über das Empfangen der Neugeborenen und das Miteinander zwischen Eltern und ihren Kindern. Leider scheint es immer noch zu wenig zu sein. Ich möchte damit nicht sagen, dass es zu wenig Menschen gibt, die so leben und handeln wie wir. Ich möchte sagen, es gibt zu wenig Menschen, die die Hintergründe dazu kennen und verstehen.

Seinen Kindern sehr viel Liebe mit auf den Weg zu geben, heisst in keinster Weise, dass wir den Kindern keine Grenzen aufzeigen. Für uns persönlich finde ich sie sogar sehr wichtig. Es sind Grenzen in den unterschiedlichsten Bereichen. Es wird nicht gehauen, es wird in gewissen Situationen geteilt, es gibt Zeit für uns als Eltern etc...

Ich las gerade erst davon, wie eine Mama schrieb, ihre Kindern müssen bei Besuch von anderen Kindern NICHTS von ihrem Spielzeug abgeben, wenn sie es nicht wollen. Ich war vollkommen erschrocken, wie viel Zuspruch dieser Artikel fand. Für uns gilt, dass besondere Sachen, die den Kindern am Herzen liegen, gerne weggeräumt werden dürfen bevor Besuch kommt. Sie dürfen sich also gewisse Sachen schützen. Gab es beispielsweise gestern am Geburtstag die langersehnte Puppe, dann darf sie diese auch auf dem Arm halten und für sich beanspruchen, ohne sie teilen zu müssen. Aber das gesamte Kinderzimmer als Tabuzone für andere Kinder einrichten? Ich bin wirklich unglaublich überrascht und frage mich, wohin das im Erwachsenenalter führen soll, auch wenn ich damit nun bei dem einen oder anderen anecken mag.
 Schliesslich erfreut es auch meine Kinder, wenn sie woanders zum Spielen sind, dass sie die Dinge ihrer Freunde nutzen dürfen. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis ist das im Übrigen glücklicherweise vollkommen normal.

Auch die Vermittlung von Werten, wie ich sie gelernt habe ist mir wichtig, z.B. die Höflichkeit. Für die eigenen Werte einzustehen und eigene Grenzen klarzumachen bedeutet eben auch, dass Kinder manchmal zurückstecken müssen, dass sie lernen müssen, dass sie einige Dingen einfach nicht dürfen. Für mich gehört das einfach zu einem friedvollen Miteinander dazu.

Zusammengefasst bedeutet das also, dass man trotz aller Liebe und Geborgenheit auch konsequent sein sollte und das eine gewisse Strenge von Nöten ist, um im späteren nicht immer friedlichen Strudel des Lebens nicht unterzugehen.

Aufmerksame Leser meines Blogs wissen, dass unsere Töchter hier definitiv im Mittelpunkt stehen und tagtäglich sehr viel Liebe erfahren. Hier dürfen alle beisammen schlafen, wenn sie es möchten. Hier wird mit fast 2 Jahren noch immer gestillt und bei Bedarf getragen. Viel, viel körperliche Nähe ist hier an der Tagesordnung, was heute ja leider oftmals vergessen wird. Dabei ist es das wohl Allerwichtigste, wenn es darum geht, geborgen groß zu werden.

Eltern, die nicht so ähnlich leben, wie wir, behaupten oft, die Kinder werden zu sehr verwöhnt. Verwöhnt mit Liebe? Gibt es so etwas? Kann zu viel Liebe einen kleinen Menschen für später negativ beeinflussen? Ich sage, es kommt ganz drauf an.
Für alles gibt es eben einfach eine Grenze. Wenn ich mir vorstelle, wir würden an den Wochenende regelmäßig beide Mädels erst ins Bett legen, wenn sie quasi schon im Sitzen unten eingeschlafen sind, ja dann bin ich selbst so weit, dass ich schlafen gehe. Wo bleibt da die ohnehin schon wenige Zeit mit dem Partner? Zurückstecken ja, gerne, aber aufgeben nein, danke!

Ich erwarte von der Großen trotz aller Liebe ganz klar auch Disziplin in gewissen Maßen. Und dabei bin ich durchaus sehr konsequent. Konsequenz lernt auch der Kleinsten bereits kennen, nur sind die "Anforderungen" natürlich ganz minimal. Hier werden quasi gerade die ersten Bausteine gesteckt.

Auch meine Eltern haben mich früher erzogen, es gab ganz klare Regeln und Grenzen und ich denke immer, aus mir ist ein nicht so verkehrter Mensch geworden. Ich wüsste nicht, dass es mir nachhaltig Schaden zugefügt hat, ganz im Gegenteil. Ich könnte jetzt ausholen und witzige Anekdoten und darauf folgenden Bestrafungen ausführen, aber das sprengt den Rahmen und geht am Thema vorbei. ;-) Ich finde jedenfalls, sie haben ihren „Job“ ganz gut gemacht.

Mit diesen Worten heute möchte ich unbedingt mit dem oft verbreiteten Vorurteil aufräumen, dass aus Kindern, die viel Liebe bekommen, schwache und unselbstständige Persönlichkeiten werden.

Gerade WEIL wir unsere Kinder lieben, sind wir auch konsequent. Unser Weg bedeutet, unseren Kindern zu geben, was sie wirklich brauchen. Das ist Liebe, Nähe und Zeit miteinander.


Liebe macht stark. Liebe macht selbstbewusst und sicher alles andere als unselbstständig. Liebe erdet, Liebe tut der Seele gut und eine gute Seele formt den Menschen, einen GUTEN Menschen.

Eure Julia