Sonntag, 6. November 2016

GASTARTIKEL - Wie viel Leid kann eine kleine Kinderseele ertragen?



Meine Tochter ist ein absolutes Wunschkind. Ich heiratete ihren Papa sehr jung, ich war gerade erst 19 Jahre alt.

Schnell wurde ich schwanger und die Vorfreude auf die kleine Bauchbewohnerin stieg von Tag zu Tag. Anfang der 37. Woche kam unser ganzer Stolz zur Welt. Es gab zwar einige Anpassungsschwierigkeiten, aber die nahmen wir gerne in Kauf.

Wir vergötterten unsere Prinzessin ab dem ersten Moment, mussten aber sehr bald mit Erschrecken feststellen, dass unsere Liebe zueinander verblasst war. Ich fragte mich auf einmal, ob das nun alles war, ob das mein Leben ist? Die Antwort bekam ich einige Monate nach der Trennung. Ich lernte meinen jetzigen Mann kennen. Zu diesem Zeitpunkt war unsere Prinzessin gerade erst 1 Jahr alt. Ihr Papa kämpfte noch sehr lange um uns, aber irgendwann verstand er, dass es für mich kein zurück mehr gab. Ich liebte meinen jetzigen Mann einfach von ganzem Herzen. Wir waren jahrelang eine sehr gut funktionierende Patchwork-Familie. Mein Mann und ich, wir wurden sogar Eltern eines kleinen Jungens. 


Doch dann kam der Januar im Jahre 2013. Schon 2 Wochen vorher bemerkten wir bei unserer damals 5-jährigen Prinzessin einige Veränderungen. Viele Ärzte suchten wir mit ihr auf, es schenkte uns jedoch keiner so wirklichen Glauben.

Irgendwann erbrach sie mehrfach, konnte plötzlich nicht mehr laufen und nahm in kürzester Zeit ab. Zudem begann sie quasi über Nacht zu schielen. Daraufhin wurde sie endlich stationär aufgenommen. Ein MRT musste her. Es war schnell deutlich, dass es schlimm sein muss. Wir hatten solche Angst, Angst um das Leben unserer kleinen Tochter. Ohne sie konnte ich nicht mehr atmen, denn nichts brauche ich mehr wie meine Kinder. 



Mein Sohn wurde zu diesem Zeitpunkt kurz vorher 2 Jahre alt.

Ich saß mit ihrem leiblichen Papa an ihrem Bett, als mehrere Ärzte hereinkamen und die alles entscheidenden Bildern in ihren Händen hielten. Als sie uns die Bilder zeigten, brach ich auf der Stelle zusammen und bekam wiederholt Beruhigungsmittel. Man hatte bei unserer Tochter einen Gehirntumor entdeckt.

Ihr Papa hielt weiterhin ihre kleine Hand. Ihm entgleisten dabei jedoch 1 Million Tränen. Eine Ärztin nahm mich zur Seite und machte mir unmissverständlich klar, dass es gerade nicht um mich geht, sondern um meine Tochter und das diese nun eine sehr starke Mami braucht.

Sie sagte, mein Ex-Mann und ich wurden auserwählt, nun diesen Weg zu gehen, wir sollen uns zusammenreissen und alle Stärke beisammen nehmen. Es waren solch harte Worte in diesem Moment, aber sie hatte Recht.
Nur eine Stunde später wurde unsere kleine Maus in ein anderes Krankenhaus verlegt und musste dort sofort notoperiert werden. Ein Röhrchen steckte in vorerst ihrem kleinen Köpfchen, es war da, um den Druck abzulassen. Es war alles wie in einem Alptraum. Mehrere Gespräche fanden statt und es war schnell klar, dass sie ohne eine weitere –richtige – OP nicht den Hauch einer Chance hat. Wir hatten also keine Wahl. Die OP wurde zwei Tage später am frühen Morgen durchgefüht.

Der Weg zum OP kam mir rasend schnell vor. Wir wollten sie beschützen, sie begleiten und nicht alleine lassen. Sie wirkte sogar fröhlich und sagte, ich solle nicht weinen, wir sehen uns später wieder. „Ich liebe dich bis zum Mond und wieder zurück.“ Das waren ihre Worte. Dieser Satz hat auch heute noch eine ganz große Bedeutung für uns.

Ihr Papa sagte noch, sie solle ganz stark sein und kämpfen. Sobald es ihr wieder gut geht, fahren wir alle gemeinsam ins Disneyland, so lautete sein Versprechen. Sie lächelte. Nun aber mussten wir sie „allein“ zurücklassen.


16 lange Stunden warteten mein Mann und ich in der Klinik, ihr Papa zu Hause. Wir zündeten Kerzen an und beteten.

Alle Bekannten und die gesamte Familie waren gedanklich bei uns und unserer Tochter. Es war sehr spät abends, als wir endlich einen Anruf bekamen. Es sieht alles ganz gut aus, hieß es. Wir atmeten auf und fingen an, Mut zu schöpfen. Sie schoben unsere Prinzessin mit unzähligen Kabeln an uns vorbei. Wir durften sie nur kurz sehen, sollten draußen vor ihrem Zimmer auf der Intensivstation warten. Doch plötzlich rannten Ärzte aus allen Richtungen in das Zimmer unserer Tochter. Ich hörte ganz viele Alarme und brach direkt fast zusammen. Wir saßen auf dem Boden und beteten laut. Gott darf sie uns nicht nehmen. Mich quälten böse Gedanken, ich sei an allem Schuld. Ich hätte sie nicht allein lassen dürfen.

Endlich ein Arzt! Sie mussten unsere Tochter reanimieren, sie sei nun aber wieder stabil. Kurz darauf durften wir zu ihr. 



Der Kopf entwickelte sich mit der Zeit prima, der Tumor war gutartig – ein pilozytisches Astrozytom 1. Grades. Wir konnten unser Glück kaum fassen. Mit der Zeit jedoch veränderte sich ihr Bein. Es wurde eiskalt, dick und blau. Um sie am Leben zu erhalten, mussten sie ihr ein Mittel in ihren Fußrücken spritzen. Mehrere Stunden verflogen, unsere Prinzessin im tiefsten Koma- Schlaf. Dann endlich reagierten die Ärzte und sagten uns, sie müsse erneut sofort notoperiert werden. Meine kleine Prinzessin, die gerade erst 16 Stunden am Gehirn operiert wurde, sollte also noch mehr Strapazen auf sich nehmen müssen. Durch die OP folgte die Diagnose „Kompartmentsyndrom“. Weitere Operationen folgten.
In dieser kompletten Zeit war mein Körper nicht mehr als eine leere Hülle. Am Tage der Tumor-Diagnose zerbrach mein Herz, eigentlich zerbrach unser komplettes Leben. Ich funktionierte nur noch, trank und aß nichts und wollte jede Minute bei meiner Tochter verbringen. Ich nahm außerdem Tabletten, um alles irgendwie zu ertragen. Diese Bilder werden für immer in meinem Kopf bleiben.


Es verging viel Zeit, aber es ging bergauf. Unsere Prinzessin kämpfte sich im Rollstuhl gefesselt zurück ins Leben. Sie nahm die Herausforderung an und schaute nicht zurück. Leider bekam sie noch einen Spitzfuß, den wir im Oktober 2013 dank Spendeneinnahmen operieren lassen konnten. Sie wird nie tanzen, springen, rennen können, so wie es andere Kinder tun. Aber sie kann laufen, immerhin ein paar Schritte.

In der Zwischenzeit haben wir unser Leben in vollen Zügen genossen. Wir unternahmen viel mit ihrem leiblichen Papa. Wir tankten Kraft und langsam traten die Erlebnisse trotz der Krebsnachsorge in den Hintergrund. Sie war so tapfer, so stark. Sie war wie ihr Papa. 

Aber es hörte einfach nicht auf. Januar 2016. Der geliebte Papa meiner Tochter erkrankte an der Lunge. Er musste mehrfach operiert werden. Es sah jedoch gut aus und man machte uns Hoffnung, dass er bald gesund nach Hause könne.



Februar. An einem Samstagmorgen bestand unsere Tochter vehement darauf, ihren Papa sehen zu dürfen. Es musste unbedingt sein, es kann nicht warten.
Wir fuhren sie zu ihm in die Klinik. Es tat beiden gut, sie war beruhigt. Ende Februar wurde er entlassen. Alles sollte wieder gut werden. Wir telefonierten sehr viel, sahen uns via „FaceTime“ am Telefon. Wir sagten uns Dinge, die gesagt werden mussten, denn ich hatte zu diesem Zeitpunkt wahnsinnige Angst ihn. Berechtigt.
Er gestand mir während dieser Zeit, mich immer geliebt zu haben, nur aus Rücksicht zu meiner Familie habe er jahrelang geschwiegen.

Dann das Unfassbare. Im März 2016 starb er, der Papa meiner Tochter. Oh Gott, wir vermissen ihn so sehr. Der Schmerz ist unbeschreiblich. Er war zwar mein Ex-Mann, aber er war immer für uns da, er war mein Freund, er war wie ein Bruder für mich. Ich saß nach dem Anruf wie versteinert im Auto. Es war 8 Uhr morgens. Gerade hatte ich meine Tochter zur Schule gebracht und rief aus Verzweiflung meine beste, nein, meine allerbeste Freundin an. Diese alarmierte während dem Telefonat den Notarzt und meine Eltern, da ich einfach keine Luft mehr bekam. Der Notarzt organisierte ein psychologisches Team, um meiner Tochter die schmerzliche Wahrheit zu sagen. Ich weinte und weinte. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Meine Eltern und mein Mann kamen, wir weinten zusammen. Wir waren so verzweifelt. Das durfte einfach nicht wahr sein.


Was hat mein Mädchen verbrochen, so viel Leid ertragen zu müssen?!


Ich hatte solche Panik davor, dass sie diese Nachricht nicht überstehen würde. Wir holten sie aus der Schule ab. Sie spürte sofort, dass es ernst und sehr schlimm sein muss. Ich hielt sie so fest ich konnte und sagte ihr, dass es ihrem Papa sehr, sehr schlecht ging. Ich sagte, dass er versucht habe zu kämpfen, er es aber nicht geschafft hat und nun in den Himmel gegangen ist. Sie schrie nur „NEIN, NEIN, NEIN! Hol ihn zurück, ich brauche ihn!“. Meine Tränen laufen auch jetzt noch, weil es für uns noch immer unverständlich ist. Es ist, als wäre er immer noch bei uns.

Meine Tochter ist seitdem gebrochen. Sie sagt immer wieder, dass ihr Herz so fürchterlich weh tut und sie ihn hören und anfassen möchte. Wir reden täglich über ihn. Wir weinen, wir erzählen aber auch lustige Dinge über ihn.


Mich beschäftigt seitdem vor allem die Frage, wie viel Leid ein Mensch ertragen kann?


Unsere Tochter kämpft ... und kämpft und kämpft. Ich bin ihre Mami und ich werde immer an ihrer Seite sein, ebenso mein Mann, der sie unendlich doll liebt. Und nicht zu vergessen, ihr kleiner Bruder, der hier n unserer Geschichte  etwas kurz gekommen ist, was aber nichts mit unserer Liebe ihm ggü. zu tun hat. Er ist jetzt fast 6 Jahre alt, sehr reif und wahnsinnig lieb. Für ihn ist all dies natürlich auch nicht leicht, auch für ihn sind wir da! Ich bin mir sicher, ihr Papa ist immer bei meiner Tochter und tröstet sie in den Schlaf. Es tut so weh, sein Kind so leiden zu sehen. Ich hoffe und wünsche mir sehr, dass es nun bergauf geht. Für uns alle. Ihr Papa würde nicht wollen, dass seine Prinzessin traurig durchs Leben geht.


Wir erhalten nach all dem Erlebten psychologische Hilfe, die wir aktuell dankend in Anspruch nehmen. Nach dem Tod meines Ex-Mannes haben wir seine Katze zu uns aufgenommen, es ist ein grosser Trost für meine Tochter. Wahnsinn, was Tiere uns Menschen geben können.


Ich hoffe nun, dass wir bald ins Disneyland können. Es wird Zeit unser Versprechen einzulösen. 



An dieser Stelle möchte ich einmal sagen, dass wir ohne meine Eltern, meinen Mann und den wenigen Freunden, die uns geblieben sind, heute nicht das wären, was wir sind! An euch möchte ich ein grosses Dankeschön richten!

Als letztes bleiben mir nun noch folgende Worte zu schreiben: Ruhe in Frieden, lieber N..




// P.S.: Wenn auch ihr mir eure "Geschichte" erzählen wollt, freue ich mich über eine E-Mail an info@loeckchenzauber.de!