Sonntag, 27. November 2016

GASTARTIKEL - Kleine Seelen - Ein Plädoyer für Freiheit


Immer mal wieder treffen wir alle auf Mamas, die es anders machen, als wir selbst. Ich treffe fast immer auf Mamas, die es anders machen als ich. Ich lebe für mich und meine kleine Tochter, die nun 2 Jahre alt ist, unerzogen. Unerzogen, das meint, dass darauf verzichtet wird, Kinder nach den eigenen Vorstellungen durch Lob, schimpfen und künstliche Grenzen sowie Konsequenzen zu formen.
Viele von euch wurden nun schon mit diesem etwas irreführenden Begriff konfrontiert und verdrehen innerlich die Augen. Ich möchte euch hier gern schildern, was unerzogen für mich NICHT bedeutet. Es bedeutet nicht, sein Kind sich selbst zu überlassen, nicht es in Watte zu packen und überzubehüten. Es bedeutet nicht, das Kind zum Familienoberhaupt zu machen und sich selbst und seine Interessen aufzugeben. Vielmehr bedeutet es, sich ganz auf diesen kleinen Menschen einzulassen, seine Bedürfnisse weiterhin so wahrzunehmen wie zur Babyzeit, sein Verhalten nicht über sein Sein zu stellen. Es bedeutet, ihm Freiheit zu schenken, Freiheit zu sein, sich zu erfahren, zu lernen und zu verstehen. Und somit auch sich selbst.
Dieses ganze Wissen habe ich mir nun 2 Jahre lang erarbeitet und tue es noch. Auf diesen bezeichnenden Begriff stieß ich selbst erst vor Kurzem und will mich mit ihm gar nicht solange aufhalten, da er eigentlich keinen Erziehungsstil beschreibt sondern eine Einstellung dem Kind gegenüber. Alles was damit zu tun hat überschreibt quasi die eigenen Programmierungen durch die eigene Erziehung.  Das bringt mich nun dazu, euch meine Geschichte zu erzählen.
Ich wurde sehr autoritär erzogen. Die Eltern waren die wichtigste Instanz, Erwachsene per se glaubwürdiger und immer zu ehren. Ich habe viel gelitten als Kind, ich musste schon früh lernen, dass meine Bedürfnisse und Gefühle nicht wichtig und nicht schützenswert waren. Es war alles dabei was man sich so vorstellen kann an herkömmlicher psychischer Gewalt, hin und wieder auch Schläge. Diese Erfahrungen haben sich tief eingebrannt. Noch heute werde ich ständig damit konfrontiert, habe undefinierbare Ängste vor Chefs oder Ärzten so wie früher vor meiner Mutter und Lehrern. Ich könnte mich ja falsch ausgedrückt oder benommen haben.
Für mein Töchterchen nun wünschte ich mir schon zur Zeit der Schwangerschaft etwas anderes. Sie sollte keine Angst vor mir haben, nicht bangen müssen, nicht untröstlich sein. Ich wollte sie beschützen vor allem, was mir eine glückliche Kindheit genommen hat. Und wie das so ist, wenn man sich unbedingt abgrenzen will, aber nicht genug über Alternativen weiß, habe ich erstmal versagt.
Im ersten Jahr war ich oft überfordert und ja, ich habe mein kleines unschuldiges Baby angeschrien und war ein paar Mal grob zu ihr. Ich hatte solche Angst so zu sein wie meine Mutter, dass ich das Wesentliche aus den Augen verlor und aus der Unzufriedenheit meines Babymädchens schloss, nicht genug für sie zu tun. Das machte mich wütend, denn ich war ständig mit meinen Ängsten konfrontiert und arbeitete dagegen an, sodass ich dachte, das müsste doch zusammen mit der prompten Erfüllung ihrer Bedürfnisse genügen.
Erst nach knapp einem Jahr, als ich mich einer Fenkid-Gruppe anschloss, erkannte ich worum es wirklich geht. Nämlich: Nicht um mich sondern um mein Mädchen. Ich erkannte, dass sie nicht meinetwegen unzufrieden war, sondern ganz einfach weil sie so gern viel mehr können wollte. Ich erkannte, dass ihr Verhalten niemals gegen mich gerichtet war, dass sie nicht absichtlich quengelte wenn wir mit dem Kinderwagen unterwegs waren, in dem sie sich nicht frei bewegen konnte. Ich erkannte, dass nichts an ihrem Verhalten provokativ war. Und ich erkannte und erkenne immer wieder, dass die herkömmliche Art, sein Kind zu erziehen mich und mein Mädchen verletzt.
Und so kam ich über Literatur und Google zu "unerzogen" und endlich fühlte es sich richtig an. Für mich und sie ist es der richtige Weg. Ich hatte ohnehin so viele Ängste, dass es mir keine Angst machte, mich meiner eigenen Erziehung, Kindheit und den Eltern meiner Kindheit zu stellen. Das ist nämlich etwas, was vielen Angst macht: Die Erziehung ihrer eigenen (geliebten) Eltern zu hinterfragen, mit der Erkenntnis, dass diese oftmals nicht okay gehandelt haben. Wer keine Angst hat, oder sich nicht gut fühlt, bei dem wie er mit seinem Kind umgeht und Hintergrundinformationen braucht, warum das so ist, empfehle ich das Buch "Liebe und Eigenständigkeit" von Alfie Kohn.

Was bedeutet das nun aber für unser Leben, auch auf die Zukunft gerichtet und überhaupt, wo ist denn hier der Vater? Mein Mann und Vater unserer Kleinen ist herkömmlich traditionell eingestellt, boykottiert meinen Weg aber nicht. Da sich unser Mädchen ohnehin mehr an mir orientiert und er bis kurz vor Schlafenszeit arbeitet, gibt es da bei uns kaum Streitpotenzial. Hin und wieder weise ich ihn aber darauf hin, wenn ich sein Verhalten der Kleinen gegenüber ungerechtfertigt finde.
In unserem Alltag gibt es noch keine Kita, aber viele gleichaltrige Kinder aus unterschiedlichen Haushalten. Es gibt Besuche hier und dort, es gibt das Spielen auf dem Spielplatz. Alles birgt für uns viele Auseinandersetzungen, was mal positiv und mal negativ besetzt ist. Einfach einfach ist es nicht (mehr), wenn man sich auf unerzogen eingelassen hat. Es geht immer wieder darum, das Verhalten des Kindes zu übersetzen. Zum Beispiel, weil ich weiß, es beschäftigt die meisten immer wieder, warum will mein Kind nicht mit dem Besuchskind teilen.
Der einfache, wenn auch nicht weniger stressige, Weg ist es, das Kind zu berufen und die gebunkerten Spielsachen dann als "Machthaber" zur Verfügung zu stellen. Mein Weg ist es, mich zu fragen warum mein Kind wohl gerade ein Problem damit hat, etwas herzugeben und sie in ihrem Gefühl zu unterstützen. Auch wenn das bedeutet, dass der Besuch zurückstecken muss. Ich löse dies so, in dem ich die andere Mama bitte, ein Spielzeug ihres Kindes mitzubringen, das es dann im Gegenzug auch nicht hergeben muss. Umgekehrt halte ich es genauso und es geht wirklich viel entspannter zu. Für die Kinder an sich ist dieses Verhalten nämlich völlig normal, keines der beiden möchte unbedingt und gerne sein Spielzeug teilen. Und so kann man immer wieder eine blöde Situation retten, ohne dem Kind alle Auseinandersetzungen zu ersparen, die ja wichtig sind für die Entwicklung.

Jetzt werdet ihr mich fragen WIE mein Kind denn das Teilen lernt, wenn ich ihm die Situation derart "vereinfache". Ich behaupte, dass das von ganz alleine geht. Mit meinem Vorbild und ihrem Heranreifen wird sie schnell verstehen, wie schön es ist, etwas, an dem man Freude hat, zu teilen und ebenfalls Freude zu schenken.
Andere Beispiele, die gern herangezogen werden, sind Medien- und Süssigkeitenkonsum, selbstbestimmtes Schlafengehen und Körperpflege. Ich persönlich halte es so, dass ich meiner Kleinen die Entscheidung nicht gänzlich überlasse, aber alles zu ihren Gunsten und ihrem Spaß entscheide. Also, sie darf Fernsehen soviel sie will, aber ich suche aus, was. Sie darf (nur) eine Kinderschokolade am Tag essen, aber sie entscheidet wann. Ich wähle die Schlafenszeit, aber variiere  plus minus eine Stunde, je nach Grad der Müdigkeit oder des Tagesablaufs. Ich sage, dass ich sie wickeln oder baden möchte, aber sie hat die Wahl ob jetzt oder später, wenn sie dazu bereit ist.

Was bedeutet so eine Lösung also für die Zukunft?

Das Kind wird irgendwann etwas müssen, denken viele. Keiner wird sich dafür interessieren, warum es etwas nicht tun wollen wird. Und überhaupt, wo kommen wir denn dahin, wenn jedes Gefühl berücksichtigt wird und Mama an der Seite steht. Das geht ja im Berufsleben auch nicht mehr.

Ich bin davon überzeugt, dass unsere Kinder mit einer bedingungslosen Basis, ohne Druck, gesellschaftliche Zwänge ("müssen"), Lob und Tadel, jede Hürde, die sich im Laufe ihres Lebens ganz natürlich von sich aus ergibt, meistern werden. Ich glaube, dass das Vertrauen und den Beistand den sie jetzt, in ihren kleinen Jahren, bekommen sich tief in ihre kleinen Seelen setzt und diese schützen kann, wenn jemand ankommt, der nicht fähig ist ihre Integrität zu wahren. Ich glaube, dass sich alles fügen wird. Jeden Tag, eins zum anderen. Unterschätzt nicht eure Vorbildfunktion, unterschätzt nicht, was ein warmes, geborgenes zu Hause in den kleinen Herzen bewirkt. Für immer.




Zum Abschluss möchte ich sagen, dass wohl keine Familie ihre Vorstellung von Erziehung und Zusammenleben zu 100% verwirklichen kann. Und mir geht es da nicht anders. Jeder Tag ist ein Neubeginn, den ich mal nach meinen Vorstellungen und Wünschen verlebe und mal diesen entgegengesetzt, weil ich schwach bin. Ich halte das für natürlich, wie so vieles was uns im Leben begegnet und habe ebenso Verständnis für euch angestrengten Mamas da draußen, die ihr euch über meinen Artikel aufregt, weil ihr ihn für unrealistische Träumereien haltet. Ich kenne es zu gut, wenn einem etwas Neues Angst macht.

Ich wünsche uns allen, dass wir unseren Weg mit unserem Kind finden, auf dem wir uns wohl und sicher fühlen.

Eure Katharina