Dienstag, 11. Oktober 2016

Warum Kinder nachts zu Mama wollen und warum wir es zulassen sollten.

Um eines direkt vorweg zu nehmen. In der heutigen Gesellschaft scheint es unter den Müttern nur noch zwei Seiten zu geben. Die bösen „Raben-„ und die nicht loslassenden „Helikoptermütter“, oder? Eine Mitte existiert offenbar nicht?!
Mit meinem nachfolgenden Artikel möchte ich niemanden in seiner Lebensweise angreifen oder gar bloßstellen. Mir geht es in erster Linie um eines, nämlich um Aufklärung und das damit verbundene Verständnis!

Kennt ihr diese erleichterten Blicke und Reaktionen von Müttern, wenn sie hören, dass man selbst etwas genauso macht, wie sie es tun? Etwas, von dem sie dachten, es wäre vielleicht komisch oder falsch. Etwas, für dass sie sich bislang möglicherweise schämten.

Ich fange mal anders an. Nicht alles habe ich bei meiner ersten Tochter schon so gemacht, wie ich es jetzt bei der Zweiten mache. Zum Beispiel habe ich sie damals mit 7 Monaten abgestillt. Aus Gründen, die mit meinem jetzigen Wissen, keine waren. Manchmal denke ich mir, ich wäre gerne noch einmal mit dem ersten Kind schwanger, aber mit dem Wissen von heute. Ich würde ganz sicher das ein oder andere anders machen.

Eines jedoch habe ich von Anfang an genauso gemacht, wie ich es jetzt auch tue: 

Das Baby neben mir schlafen lassen. 

Warum? Weil es sich für mich ab der ersten gemeinsamen Nacht einfach richtig anfühlte, weil es die Natur so vorgibt, weil kleine Bündel einfach den Schutz und die Wärme der Mama brauchen, um entspannt und sicher schlafen zu können. Es ist ein Urinstinkt. Ein Baby wäre alleine einfach nicht überlebensfähig. Hätte man es früher alleine draußen liegen lassen, hätte es die Nacht nicht überlebt. 
Ich weiß, es gibt ein paar wenige Erwachsene, die lieber alleine statt neben ihrem Partner einschlafen. Ein Urteil über diese Lebensweise und die Gründe dafür, möchte ich mir nicht erlauben, denn ich könnte nur Vermutungen anstellen. Die meisten unter uns, fühlen sich doch aber wohler, wenn sie in der Nacht jemanden neben sich haben. Für sie würde es sich komisch anfühlen, würde der Partner alleine in einem anderen Zimmer schlafen.
Nun gut, wir schreiben das Jahr 2016. Viele handhaben es inzwischen so, dass das Baby im ersten Lebensjahr im Eltern- oder Beistellbett schläft. Nicht zuletzt, weil die Nächte somit einfach für alle ruhiger sind. Insbesondere das Stillen wird hier um ein Vielfaches erleichtert und verkürzt. Wunderbar, kann ich da nur sagen. Sicherlich auch eine Entwicklung, die aufgrund der Aufklärung in den sozialen Netzwerken oder überhaupt dem Internet zu verdanken ist.
Was aber kommt nach dem ersten Geburtstag? Oft ist das der Stichtag für Eltern, das Kleinkind nun endlich in das eigene Zimmer „zu verfrachten“. Wisst ihr, jeder sollte es wirklich so machen, wie er es für richtig hält. Nur, wenn man den Grund hinterfragt, dann ist es bei den Wenigsten eine Entscheidung aus dem Bauch oder gar aus dem Herzen heraus. Oft ist es das Umfeld, die Gesellschaft. Aber sind es Außenstehende, die über euer nächtliches Wohlergehen urteilen sollten? Sind sie es, die sich damit wohl fühlen sollen? 
Warum stößt man oft auf Unverständnis, wenn ein 3-jähriges oder auch 5-jähriges Kind, ach, was sage ich, meinetwegen auch ein 10-jähriges Kind, im Zimmer der Eltern schläft? Muss man einem Kind antrainieren, alleine zu schlafen? „Da müssen sie durch.“ Oder auch ganz beliebt „Das hat uns auch nicht geschadet.“ Spätestens bei dem zweiten Satz will ich ein solches Gespräch eigentlich beenden. Es gibt wenige Sätze, die mich so zum inneren Explodieren bringen wie dieser. Manchmal lohnt es sich, sachlich und argumentativ fortzufahren, oftmals aber auch nicht. Wie sagt man so schön? Da ist dann Hopfen und Malz verloren.

Habt ihr nicht auch den Eindruck, dass immer mehr Menschen - zumindest zeitweise - psychologisch betreut werden, um irgendetwas aufzuarbeiten? Haben nicht ganz schön viele Menschen Bindungsängste? Gibt es nicht unzählige Männer und Frauen, die sich selbst als „beziehungsunfähig“ deklarieren? Hat man nicht allg. das Gefühl, es gibt immer mehr Menschen, die schwer mit Konflikten umgehen können? Ich könnte das noch lange weiter fortführen.
Ich bin natürlich nicht so naiv und möchte behaupten, dass das Familienbett alldem vorbeugt, um Gottes Willen! Ich möchte nur sagen, dass es vielleicht ein kleiner, aber richtiger Schritt in die Zukunft ist und das es ganz bestimmt keinem (!) Kind schaden wird. Wenn ein Kind in den ersten Lebensjahren bzw. in der kompletten Zeit in seinem Elternhaus viel Liebe und körperliche Nähe erfährt, dann ist es ziemlich gut versorgt für den Schritt in das eigene Leben. Und glaubt mir, Liebe erfahren hat rein gar nichts mit späterer Charakterstärke oder dem Selbstbewusstsein zu tun. Es wird ja häufig behauptet, dass "solche Kinder" dann nicht mit beiden Beinen im Leben stehen können. Genau das Gegenteil ist der Fall. Davon bin ich überzeugt.  Unsere fast 7-jährige Tochter ist sehr selbstständig, schläft gerne mal auswärts und ich mache mir keinerlei Sorgen, dass sie sich irgendwann mal nicht lösen können wird. 

Ich wünsche mir, dass diese Art von „Familienleben“ oder „Lebenseinstellung“ mehr Toleranz erfährt, akzeptiert und vor allem verstanden wird. Nicht alles macht Sinn, nur weil es über Jahrzehnte so gemacht wurde.

Ich erlebe nicht selten, wie ich Erleichterung entgegengebracht bekomme, wenn ich erzähle, dass das Babymädchen kein Bett in ihrem Zimmer hat, da sie ohnehin jede Nacht bei uns schläft.

„Familienbett“ heißt auch nicht zwangsläufig, dass sich alle Familienmitglieder auf 1,60m quetschen müssen. Es heißt auch nicht, dass Papa auf die Couch zieht und Mama mit den Kindern das Ehebett teilt. Es gibt unterschiedlichste Formen. Für mich besagt das Familienbett, dass alle in EINEM Zimmer schlafen können, so lange sie es möchten. Ganz egal, ob sie nun im Beistellbett, im Kinderbett oder später vielleicht auf einer Bodenmatratze nächtigen.
Wichtig ist, sorgt dafür, dass ihr ausreichend Platz habt. Ist es so, dass ihr nämlich doch wie erwähnt zu viert auf 1,60m schlaft, kann das – eigentlich - entspannte Familienbett doch auf lange Sicht zur Belastung werden.

Ich finde es schade, dass Mamas und Papas sich damit verstecken, dass sie ihren Kinder so etwas unglaublich Gutes und Wichtiges geben. Niemand braucht sich dafür zu schämen, dass er seinen Kindern Liebe, Nähe und Geborgenheit entgegenbringt. Das schließt natürlich nicht aus, dass Kinder, die in ihrem Zimmer schlafen, das auch bekommen. Nur ist das eben nicht die eigentlich natürliche Form und sollte daher auch nicht als solche angesehen und vermittelt werden.

Ebenso verhält es sich beim Thema Einschlafbegleitung. Für mich ist es ganz natürlich, davon zu erzählen, dass unsere 20 Monate alte Tochter immer in meinem Beisein einschläft, jeden Abend seit der Geburt. Ich weiß jedoch von Müttern, denen das unangenehm ist. Ist das nicht total schade und vor allem ist das nicht absolut unnötig?

Bevor nun die andere Seite losstürmt und mitteilen möchte, dass sie ihr Bett für sich alleine nutzen möchten bzw für sich und ihren Partner: Jeder ist seines Glückes Schmied. Wenn das die für euch passende Variante ist, mit der ihr glücklich seid, dann ist das vollkommen in Ordnung. Aber bitte lasst es „uns“ urteilsfrei so machen, wie wir es möchten. Die oben zitierten Sprüche sind hier einfach fehl am Platz. Es wäre schön, wenn man eine Mama, die beispielsweise ihr Kind bei sich schlafen lässt oder es lange stillt, einfach mal lieb fragt, aus welchen Beweggründen sie das macht? Vielleicht ließe sich so ein total entspanntes Gespräch aufbauen, aus dem beide Seiten ohne schlechtes Gefühl herausgehen können.

Ich bin ganz ehrlich: Ich habe wirklich Hoffnung, dass die Zeit es mit sich bringen wird, dass es auch in Europa hoffentlich schon ganz bald ganz normal sein wird, dass die Familie zusammen schläft. Es würde vieles leichter machen und ja, es würde mich sehr für das Wohlergehen aller Babys und Kinder freuen.




Als es vor kurzem um das Thema Stillen ging, wurde ich gefragt, ob ich nicht mal das Bedürfnis habe, mein Kleinkind über Nacht wegzugeben oder mal wieder Alkohol zu trinken. Meine Antwort darauf ist Folgende:

Wir sind irgendwie überhaupt keine Gelegenheitstrinker, total langweilig. Habe daher null Appetit auf Wein oder Sekt oder Ähnliches... Und nein, die Kleinste über Nacht weggeben, kann ich mir aktuell tatsächlich auch noch überhaupt gar nicht vorstellen. Also wirklich so gar nicht gar nicht und es fühlt sich für mich normal an. Ich finde auch immer, was sind schon 2 oder 3 Jahre von einem ganzen Leben? Für die Kinder jedoch bedeuten diese ersten Jahre unglaublich viel, sie sind abolut prägend. Die Zeit des "Verzichts" ist doch auf das Leben gesehen so klein und das, was zurückkommt, dabei so groß.

Liebe "Familienbettler", habt bitte keine Scheu. Redet einfach mehr darüber, ihr glaubt ja gar nicht, wie viele es ganz genauso machen!! Spätestens ab der zweiten Nachthälfte! ;-) Ihr müsst euch sagen, ihr handelt nach den Bedürfnissen eurer Kinder. Natürliche Bedürfnisse, die eure Kinder glücklich und behutsam (auf)wachsen lassen. Ihr habt einfach darauf verzichtet, ihnen etwas anderes anzutrainieren. Darauf dürft ihr einfach mal stolz sein und es spielt hierbei ganz und gar keine Rolle, wie alt euer Kind ist!

Eure Julia