Sonntag, 23. Oktober 2016

GASTARTIKEL - Hausgeburt mit einer unfassbar überraschenden Wendung.

Sommer 2014.

Nach einjähriger, aufreibender Sanierung unserer Wohnung, nach über drei  Jahren, in denen ich fast ausschließlich für unsere damals 2 und 3,5 jährigen Kinder dagewesen war, lief unser Alltag endlich wieder etwas ruhiger, ich teilte mir mit meinem Freund das Kinderbetreuen und Arbeiten besser auf und konnte mir auch sonst wieder einige Freiheiten nehmen, die lange nicht möglich gewesen waren.
Dann war ich wieder schwanger. Ungewollt. Das Baby musste ganz knapp nach meiner Regel entstanden sein. Und das, obwohl ich immer so sicher war, einen ganz gleichmäßigen, zuverlässigen 28-Tage-Zyklus zu haben.
Ich hatte Angst vor Überforderung, nötiger Selbstaufgabe, konnte mir einen Alltag mit 3 Kindern nicht so recht vorstellen. Ich habe zwei Arme, wo liegt dann morgens beim Kuscheln das dritte Kind? Wie kann ich alle drei auf den Schoß nehmen wenn sie sich langsam an ungewohnte Situationen gewöhnen müssen? Mein Freund hatte praktischere Sorgen. „An unserem Küchentisch hat kein 5. Stuhl Platz, die ganze Wohnung habe ich auch nur für 4 Personen gebaut.“  Die gesamte Schwangerschaft konnte er sich nicht mit der Aussicht auf ein Leben mit einem dritten Kind anfreunden. Für mich war das sehr, sehr belastend. Ich fühlte mich allein gelassen mit meinen wenigen Zipperlein und dem schwerer werdenden Alltag mit zunehmendem Bauch. Trotz aller Ängste schloss ich das Baby schnell ins Herz und ein Abbruch wäre nicht in Frage gekommen.
Ich trat wieder mit den Hebammen in Kontakt, die wir schon aus den ersten Schwangerschaften kannten. Wir leben in einer Gegend mit nahezu paradiesischer Ausstattung an außerklinischen Geburtsmöglichkeiten und beide Kinder waren bei uns zu Hause auf die Welt gekommen. Auch hatten wir schon nach den allerersten beiden Ultraschalluntersuchungen beim ersten Kind auf alle weiteren Arztbesuche verzichtet. Wir hatten einfach großes Vertrauen in den natürlichen Lauf der Dinge und fühlten uns von der Frauenärztin unnötig bevormundet und bedrängt. Die Hebammenbetreuung fühlte sich dagegen rundum gut und ausreichend an. So wollte ich es auch in dieser Schwangerschaft wieder handhaben. Ich dachte sogar an eine Alleingeburt. Nicht aus einer Antihaltung irgendwem oder irgendetwas gegenüber, sondern aus dem vertrauensvollen Gefühl heraus eigentlich niemanden außer meinem Freund dabei zu brauchen.
Da unsere ersten Kinder sich noch 7 bzw. 18 Tage nach dem errechneten Termin Zeit gelassen hatten, verschoben wir diesen nun etwas großzügig nach hinten. 4 Tage über dem Termin setzten nachts um 12 die Wehen ein. Ich war irritiert. Ich war so sicher gewesen auch dieses Kind am Tag auf die Welt zu bringen da ich das schon bei den ersten Geburten als sehr wohltuend empfunden hatte. Da die erste Geburt 18 h und die zweite nur noch 8 h gedauert hatte erwartete ich nun einen noch schnelleren Verlauf.  „Gut“, dachte ich, „dann ist das Baby da wenn die Großen aufwachen und wir müssen uns keine Gedanken um deren Betreuung machen“. Als es Zeit zum Aufstehen war, es war Ostermontag, war allerdings noch kein Baby in Sicht und ich arbeitete mich immer noch durch die sachten Wehen, überrascht über den langsamen Fortgang. Um irgendetwas zielführendes zu tun, rief ich unsere Hebamme an, um ihr schon mal mitzuteilen, dass ich sie eventuell im Laufe des Tages brauchen würde. Sie teilte mir mit, dass sie gerade mit einer Frau im Geburtshaus sei und dort auch die nächsten Stunden nicht weg könne. Unsere andere Hebamme sei  noch auf einer Reise. Ich könnte die 3. uns vertraute Hebamme anrufen, diese wäre aber gerade nicht für Geburten versichert und müsste dann noch eine uns unbekannte mit hinzuziehen. Mich bestärkte diese Aussicht nur darin, dass wir unser Baby auch ohne Hebamme empfangen könnten und ich machte mir weiter keine Sorgen. Da ich trotzdem etwas demotiviert war, weil ich das Gefühl hatte es ginge irgendwie nichts recht vorwärts, rief ich die unbekannte Hebamme an und bat sie mal vorbeizukommen um zu ertasten ob das Baby denn  überhaupt in einer günstigen Startposition läge. Sie kam, war uns gleich sehr sympathisch und meinte, die Lage wäre total gut, es bräuchte einfach noch ein wenig Geduld. So bekräftigt hatte ich wieder ein gutes Gefühl und wusste, dass ich auch mit ihr gut gebären könnte. Trotzdem sah ich keine Notwendigkeit sie bei uns warten zu lassen und schickte sie erst mal wieder weg. Nach dem Mittagschlaf der „Großen“ war ich dann soweit, dass ich doch lieber meine Ruhe haben wollte und unsere Mitbewohnerin nahm die beiden Kinder mit zu sich in die Wohnung. Wir arbeiteten uns bis zu den Presswehen und mein Freund und ich hatten beide das schöne Gefühl dieses Baby ganz alleine bei uns empfangen zu können. Der Kopf war schon so weit, dass wir ihn beide berühren konnten und ich öffnete die Fruchtblase, weil ich das Gefühl hatte, sie behinderte das Vorankommen.  Bei den folgenden Wehen war ich ganz sicher, dass das Baby bei der nächsten Wehe geboren werden würde, aber wir schafften die letzten wenigen mm nicht. Entkräftet, ratlos und langsam ängstlich werdend, sagte ich zu meinem Freund :“ich krieg das Baby alleine nicht raus, rufe bitte die Hebamme an“. Diese war sich natürlich sicher, dass sie es nicht mehr rechtzeitig schaffen würde, gab mir den Hinweis auf ein homöopathisches Mittel für meine Sorgen und machte sich auf den Weg.
Mit der Gewissheit, dass sie in etwa einer halben Stunde da wäre, entspannte ich mich total, das Baby rutschte nochmal komplett zurück und die Wehen wurden wieder ganz leicht . Die Presswehen setzten erst wieder ein, nachdem die Hebamme da war, gute Herztöne bestätigt hatte und sich ganz ruhig im Hintergrund bereit hielt. Wenige Wehen später flutschte unser Mädchen in einem Rutsch in Papas Hände. Kurz vorher war noch die nicht versicherte Hebamme eingetroffen. Sie war noch dazugerufen worden, damit jemand da wäre, den wir schon gut kannten.
Ich legte mich mit unserer Tochter auf´s Sofa und bewunderte ihre niedliche Zartheit. Unsere ersten Kinder waren eher speckige Möpse gewesen und auch die Hebamme und mein Freund waren erstaunt über ihre Zartheit.  Die großen Geschwister waren gerade auf dem Weg in die Nachbar-WG zum Abendessen und wir riefen sie, samt „Babysittern“,  nochmal zurück um ihnen die ganz frische Schwester zu präsentieren. Unser Sohn meckerte ein bisschen dass er lieber einen Bruder gehabt hätte, war aber trotzdem ganz angetan. Nach einigen Minuten Entspannung und Ruhe zum Kennenlernen  merkte ich wie die nächsten Wehen heranrollten und freute mich, dass die Plazenta dieses Mal wohl kein Problem machen würde. Bei den ersten beiden Malen hatte sie sich sehr lange bitten lassen auch noch heraus zu kommen. In der liegenden Position auf dem Sofa war die nächste Wehe richtiggehen schmerzhaft und ich schickte alle Besucher und die Kinder schleunigst wieder raus. Mit dem Baby auf der Brust und in der nachgeburtlichen Verfassung wollte ich aber auch nicht mehr vom Sofa herunterklettern und musste ordentlich brüllen um mit der Wehe klar zu kommen.  Das angebrüllte Baby in meinem Arm tat mir leid ;-) Kurz später kam Unruhe bei den Hebammen auf. Die eine fragte die andere nach dem Fundusstand (Größe der Gebärmutter), bekam eine Antwort und sagte dann plötzlich „Alles gut, ihr bekommt Zwillinge“. Ich war so  mit den Wehen beschäftigt, dass ich nicht besonders überrascht sein konnte, übergab in einer Wehenpause nur schnell das Babymädchen, während es noch hastig abgenabelt wurde, an den Papa und presste dann was das Zeug hielt unser Überraschungskind, einen Jungen, ans Abendlicht. Er wurde in seiner intakten Fruchthülle geboren und guckte selber auch etwas überrumpelt.  Bis heute, 1,5 Jahre später, sind wir überzeugt, dass er sich hinter seiner durchsetzungsstarken, aktiven, lauten kleinen Schwester versteckt hat.
Da standen/lagen/saßen wir nun mit zwei  für uns ungewöhnlich kleinen Babys (2,6 und 3 kg), viel zu großen Klamotten (ich hatte nur Sachen ab Gr. 62 besorgt, weil ich das für sinnvoll hielt für ein erwartet großes Baby) und zu wenig Stoffwindeln. Ich war heilfroh, dass die Hebammen da waren und uns bei den ersten Handgriffen halfen und wir  lachten alle herzlich zusammen darüber, dass ich nun beim Stillen mit zwei Babys im Arm sogar Hilfe zum Kratzen an der Nase brauchte.
An diesem ersten Abend hatte ich, als alles ruhig geworden war, große Angst wie ich das nun alles schaffen sollte, aber schon am nächsten Tag „war`s einfach so“ und der ganz normale Alltagswahnsinn nahm seinen Lauf…
Die Nachricht verbreitete sich ganz von alleine in Windeseile und innerhalb von wenigen Tagen hatten wir ohne eigenes Zutun genügend kleine Klamotten, einen Zwillingswagen, ein zweites Tragetuch, eine zweite Manduca, fast täglich eine warme Mahlzeit und eine Nachbarin, der wir immer einen Einkaufszettel mitgeben konnten. Und mittlerweile sitzen wir ganz selbstverständlich zu 6. am Küchentisch ;-)

Ich möchte mit diesem Bericht nicht jeden davon überzeugen, dass es unnötig ist, eine Schwangerschaft mehr zu „überwachen“. Aber ich würde mich doch freuen, damit zeigen zu können, welchen Wert dieser Weg für uns hatte und welches Geschenk er war. Hätten wir von den Zwillingen gewusst, hätten wir uns noch mehr den Kopf zerbrochen wie wir das schaffen können. Ich hätte mir sicherlich auch irgendwie den „risikoschwanger“-Stempel aufdrücken lassen und hätte schwer an der Gewissheit getragen, für die Entbindung ins Krankenhaus gehen zu müssen. Es gibt so wenige Mut machende Erfahrungsberichte über Zwillingsgeburten. Ich bin überzeugt, dass schon das Stillen im Krankenhaus so viel schwieriger geworden wäre unter den prüfenden Augen von Krankenschwestern, die sicher gehen wollen, dass die Kleinen auch auf jeden Fall genügend zunehmen. Zuhause lag ich die ersten Tage nur in unserem großen Bett und habe quasi nichts anderes gemacht als gestillt und geschlafen und gekuschelt. Den Rest hat mein Freund gemanagt.

In meiner zweiten Schwangerschaft, der ersten ganz ohne Ultraschall, wurde ich oft gefragt: Hast du keine Angst vor einer unerkannten Eileiterschwangerschaft, Plazenta  Praevia oder Zwillingen? Ich habe immer gesagt, dass ich sicher wäre, dass ich es merken würde, bevor es irgendwie brenzlig wird. Und davon bin ich immer noch überzeugt. ;-)

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Wenn auch ihr Autor eines Gastartikels werden wollt, schickt mir einen kleinen Ausschnitt eurer Geschichte gerne an info@loeckchenzauber.de!