Sonntag, 9. Oktober 2016

Gastartikel - Die sehr ergreifende Geschichte einer jungen Frau, die wir an dieser Stelle namenlos lassen.

Ich war 21 Jahre alt, jung und durchweg positiv in die Zukunft blickend.

Seit fünf Jahren befand ich mich in einer scheinbar fantastischen Beziehung mit meinem damaligen Freund, der zu diesem Zeitpunkt Anfang 30 war.  Wir lebten bereits seit 2 Jahren zusammen und verspürten beide einen Kinderwunsch. Da wir uns beide tatsächlich angekommen und füreinander bestimmt fühlten, verzichteten wir zwar bewusst auf die Verhütung, waren aber dennoch ganz entspannt, was das Thema anging.

Einige Zeit später bemerkte ich eine Veränderung zwischen uns. Alles begann nach der Hochzeit eines Kollegen. Ich spürte, dass mein Freund mir etwas verheimlichte. Ständig verließ er einen Raum zum Telefonieren. War er in einer Gegenwart, so tippte er unentwegt SMS. Ich wurde achtsam. Eines Tages klingelte sein Handy, während er unter der Dusche stand. Auf dem Display erschien ein mir nicht bekannter Männername. Ich roch den Braten und nahm das Telefonat entgegen. 

Eine Frauenstimme.

Das Ende vom Lied war, mein Freund hatte mich betrogen und sich in diese Frau verliebt. Es folgte die Trennung. Für mich brach eine Welt zusammen. Dieser Mann war meine erste große Liebe. Für mich war er der Mann, für den ich an das Ende der Welt gegangen wäre, für den ich alles stehen und liegen gelassen hätte, für den ich einfach ausnahmslos alles getan hätte. Ich hatte bereits vor Augen, wie wir mit einem Baby im Arm heiraten, wie wir reisen, wie wir einfach glücklich leben. 
Ich liebte ihn so sehr, dass ich ihm sogar vergeben hätte. Er allerdings war nicht mehr sicher, was er wollte.

Es blieb bei der schmerzhaften Trennung.

Durch einen Zufall ergab sich, dass ich eine Wohnung im Haus meiner Mutter bezog. Mit leerem Herzen und leeren Händen. Ich kaufte mir ein paar gebrauchte Möbel und versucht, meine Wohnung irgendwie schön zu gestalten. Doch mein Liebeskummer zerfraß mich. Jede Nacht schlich ich mich eine Treppe tiefer zu meiner Mama ins Bett und hielt ihre Hand. Immer wieder versprach sie mir: "Alles wird gut! Wir schaffen das!".

Da lag ich nun, tieftraurig und am Boden zerstört, mit einem kaputten Selbstwertgefühl, im Bett meiner Mama. Dass es mir jemals schlimmer ergehen könnte, war für mich unvorstellbar. Doch es kam alles anders.

Anfang Dezember, circa 4 Wochen später, bekam meine Mutter in der Nacht Herzschmerzen. Sie suchte zunächst einen Hausarzt auf, fuhr dann weiter zu einem Kardiologen. Nach einer einwöchigen Behandlung ging es meiner Mutter noch immer nicht wirklich besser. Daraufhin wurde für den 13. Dezember eine Herzkatheder-Untersuchung angesetzt. 

Es war der Tag vor meinem 22. Geburtstag. 

Auf der Fahrt ins Krankenhaus sagte meine Mama, dass sie ein so schlechtes Gefühl habe bezüglich der anstehenden Untersuchung. Sie hatte Angst. Ich war stark und redete ihr gut zu. Schliesslich mussten wir eine Ursache für ihre Schmerzen finden. 

Der Eingriff war für 11:00 Uhr geplant. Schon eine Stunde später sollte ich wieder zu ihr dürfen, am selben Abend war die gemeinsame Heimfahrt geplant.

12:30 Uhr. Niemand gab mir Auskunft, ich lief vor dem Fahrstuhl im Krankenhaus auf und ab, immer wieder. Langsam bekam ich Angst. Ich rief verzweifelt Freunde an, wusste nicht, wohin mit mir. Irgendwann weinte ich. Dann plötzlich öffnete sich die Fahrstuhltür. In diesem stand nur eine Krankenschwester, die mich zum operierenden Arzt bringen wollte. Ich war fassungslos und weinte weiter, jetzt noch mehr als zuvor. Beim Arzt angekommen erläuterte dieser, dass es Komplikationen gab. Meine Mama befindet sich derzeit auf der Intensivstation, aber es sei alles in Ordnung. 

Ich durfte sofort zu meiner Mama, die ebenfalls bitterlich weinte. Sie hatte Schmerzen, scheinbar unerträgliche Schmerzen. Ich verließ das Zimmer wieder und gab sofort den Schwestern Bescheid. Dann verliess ich die Station, um gefühlt alle Menschen anzurufen, die ich kannte. Ich kam mir so hilflos vor. Eine Freundin meiner Mama versprach, sich direkt auf den Weg zu machen. Als ich dann wieder zu meiner Mama in das Zimmer wollte, durfte ich nicht mehr hinein. Lange 45 Minuten ließ man mich warten. Dann kam ein Arzt und teilte mir mit, dass das Herz meiner Mama stehen geblieben ist. Man habe sie sofort reanimiert und eine Not-OP durchgeführt.

Sie war nun auf dem Weg in ein Herzzentrum. Dort wartete bereits ein Spezialisten-Team für eine weitere OP auf sie. 

Tränenüberströmt fuhr ich hinterher. Meine Mama war bereits im OP, als ich eintraf. Die Nacht zu meinem 22. Geburtstag verbrachte ich im Wartebereich des Krankenhauses. Mitten in der Nacht, um 4:00 Uhr durfte ich mit Kittel und Mundschutz endlich zu meiner Mutter. Als ich ihr Zimmer betrat, verlor ich das Bewusstsein.
Da lag sie, meine Mama, mit der ich seit Stunden längst zu Hause in meinen Geburtstag reinfeiern wollte. Ihr Brustkorb war geöffnet, angeschlossen an einen Herzballon. Unzählige Kabel hingen an ihr, sie lag im Koma. 

Ich wurde nach Hause geschickt, sollte Kraft tanken.  Dort wartete der von meiner Mama fertig gedeckte Geburtstagstisch für mich. Kuchen, Geschenke und ein Brief. Ein Brief, den ich mir die letzten 10 Jahre immer und immer wieder gedanklich vorlese ,,... weil du wunderschön, liebenswert und großartig bist!".

Meine Mama wachte nie mehr auf. Am Morgen des 21. Dezember wurden ihre Geräte abgestellt.

Bis zur letzten Sekunde habe ich ihr immer wieder ins Ohr geflüstert : ,,Alles wird gut! Wir schaffen das!".

Doch wir haben es nicht geschafft. 

Die darauffolgenden Wochen waren die schlimmsten Wochen meines Lebens. Ich musste ihre Wohnung auflösen und mir selbst eine neue Wohnung suchen. ich konnte dort nicht bleiben.

Ich musste die Beerdigung organisieren und mich um sämtlichen Bürokratiekram kümmern. Ich verlor den Boden unter den Füßen, habe die Welt einfach nicht mehr verstanden. Vor lauter Kraftlosigkeit schmiss ich meinen Job.





Irgendwann war alles geschafft und ich kam zur Ruhe. Erst jetzt fiel mir auf, dass meine Regel schon lange ausgeblieben war. Ich hatte sehr viel an Gewicht verloren und schob es auf den Stress der letzten Wochen.

Doch ein Arztbesuch zeigte mir das Gegenteil. Ich war schwanger. Ich war tatsächlich schwanger und das schon in der zehnten Woche. Ich, die vor lauter Kummer kaum geradeaus stehen konnte, war nun auch noch schwanger. Da stand ich nun. Schwanger, ohne meine geliebte Mutter, ohne den Papa des Ungeborenen. Kraftlos, müde, erschöpft und überhaupt nicht bei mir.

Ich nahm als erstes Kontakt zu meinem Ex-Freund auf. Er stellte sofort klar, dass er immer hinter mit stehen wird, egal, wie ich mich entscheiden werde. Er sagte, auch wenn wir kein Paar mehr werden würden, er würde dem Kind ein guter Papa sein.

Ich habe mehrere Beratungsstellen besucht, viel nachgedacht und 5 Tage später mein Baby abtreiben lassen. 

Ich habe mich schlecht gefühlt, ein Kind in die Welt zu setzen, welches eine psychisch instabile Mutter hat, die mit ihrem Leben nicht mehr zurecht kommt. Ohne Job, ohne alles. 

Obwohl ich meine Entscheidung damals für richtig hielt, war die Zeit danach noch schwärzer als die Zeit davor. Ich habe mir Vorwürfe gemacht, schwere Vorwürfe.

Irgendwann fuhr ich 4 Wochen alleine in den Urlaub. An guten Tagen setzte ich mich in einer Decke an den kalten Strand, schrie und heulte, an schlechten Tagen verließ ich dafür nicht mal das Hotelzimmer. Ich war innerlich gebrochen, ich weinte um meine Mutter und um das Baby, über das ich mich Wochen zuvor noch so gefreut hätte.

Ich habe ein Jahr gebraucht um mein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen und Frieden mit mir zu schießen. Erst dann ging ich wieder arbeiten und konnte langsam Stück für Stück wieder einen Alltag einkehren lassen. In dieser Zeit war mein Ex-Freund oft an meiner Seite, trocknete meine Tränen und wollte nach etwa 6 Monaten sogar noch einmal eine Beziehung mit mir eingehen. Er probierte, sich zaghaft heranzutasten, doch ich wollte es auf keinen Fall. Ich brach bis heute den Kontakt ab. Es wäre einfach absurd gewesen, auch dem Baby gegenüber.

Ein paar Jahre später habe ich meinen jetzigen Mann kennengelernt. Wir haben heute eine gemeinsame Tochter. In meiner Schwangerschaft mit ihr habe ich die schlimmsten Ängste ausgestanden. Ich hatte Angst, der liebe Gott würde sie mir als Strafe für meinen Schwangerschaftsabbruch wieder nehmen. Aber er hat sie mir gelassen. Seit ihrer Geburt fühle ich mich wieder zuhause und angekommen.

Ich denke sehr oft an meine Mutter. Sie hat so große Spuren in mir hinterlassen und ich gebe heute alles dafür, um meine Spuren im Herzen meiner Tochter zu hinterlassen! Ich habe mich aufgerappelt und mein Leben wieder zu einem lebenswerten Leben gemacht.

Ich habe es geschafft, weil meine Mama schrieb ,,...Du bist wunderschön, liebenswert und großartig!"
Ich habe mir das einfach immer und immer wieder gesagt und wenn meine Tochter eines Tages ohne mich weitergehen wird, dann wird sie wissen, das sie genau das auch ist!