Sonntag, 30. Oktober 2016

GASTARTIKEL - Aus dem Bauch in den Sarg geboren.

Mein Name ist Ina, ich bin 33 Jahre alt und Mama von vier wundervollen Kindern.

Es war ein sonniger Tag und wir sind mit unseren beiden Jüngsten, die zu dieser Zeit zwei und knapp ein Jahr waren, auf dem Spielplatz. An diesem Tag spürte ich eine, mir nicht unbekannte Veränderung. Diese kannte ich bereits aus meinen letzten beiden Schwangerschaften. Da dämmerte es mir.
Ich war furchtbar angespannt und wusste nicht, wie mein damals Verlobter reagieren würde.

Unsere Familienplanung war mit drei Kindern definitiv abgeschlossen.
Hatte ich beim dritten Kind schon Bedenken und lange mit mir gerungen, ob ich überhaupt noch eines möchte. Springen wir an dieser Stelle noch einmal etwas weiter zurück. Der Papa wünschte sich das dritte Kind so sehr. Wir entschieden uns schlussendlich also von Herzen dafür. Diese dritte Schwangerschaft verlief bis zur Geburt auch ohne nennenswerte Komplikationen. Als unsere Dritte nach drei Stunden Wehen fast auf der Welt war, kam es trotz guter Überwachung und ohne Anzeichen zu einem Nabelschnurvorfall. Dann ging alles ganz schnell. Ich erinnere mich noch daran, wie mir die Beine vom Boden gezogen wurden und sie mich auf die Liege „fast schon geschmissen“ hatten, um mich in den OP zu schieben. Ich hörte nur wie gefragt wurde, ob die Nabelschnur noch pulsiere und dies verneint wurde. Als ich wieder zu mir kam, war mir nicht klar, ob mein Kind gesund sein würde oder überhaupt am Leben ist. Mein Verlobter stand kurz darauf neben mir und berichtete, dass sie auf der Intensivstation liegt und es ihr gut geht. Im Nachhinein erfuhr ich, dass sie sogar reanimiert werden musste. Dennoch sagten die Ärzte ganz klar, dass keine bleibenden "Schäden" zu erwarten sind. Das war die schönste Nachricht, die man nach so einem Erlebnis erhalten kann. Wie es zu diesem Vorfall unbemerkt kommen konnte, darauf hatten auch die Ärzte keine Antwort.

“Es kommt wahnsinnig selten vor, aber es passiert.“ Diese Worte werden mich nie mehr loslassen… Zu oft habe ich sie nun schon in Bezug auf meine Kinder gehört.

Diese komplette Geschichte führte eben u.a. dazu, dass ich meiner nun erneuten und vierten Schwangerschaft nicht so begeistert war, wie der werdende Papa. Ja, der blühte nach der Nachricht wieder förmlich auf und freute sich wahnsinnig darüber. Ich selbst war innerlich sehr unruhig, mit der Situation komplett überfordert und mit mir selbst sehr im Unklaren. Zwischenzeitlich hatten wir erfahren, dass ich mich bereits am Anfang des dritten Schwangerschaftsmonats befand. Ich wollte ein Beratungsgespräch, welches ich daraufhin ein paar Tage später in Anspruch nahm. In diesem Gespräch wurde mir schnell klar, dass ich es auch mit einem vierten Kind schaffen werde. Die Dame sprach fast unentwegt davon, wo es Hilfe nach einem Abbruch geben würde und wie der Ablauf einer Abtreibung ist. Das zu hören, war für mich der Auslöser. Ich fing an, mich an den Gedanken mit vier Kindern mehr und mehr zu gewöhnen. Jeden Tag freute ich mich mehr darauf. Das Thema Geburt schob ich dabei lange vor mir her. Mein Bauch wurde schnell größer und schon bald spürte ich unser Menschenkind. ♡ Es verlief alles prima. Nur die doch etwas kleine Größe unseres Menschenkindes verunsicherte den Arzt ein wenig, jedoch nicht zu sehr. Es vergingen nunmehr zwei Monate, bis wir uns wieder auf dem besagten Spielplatz befanden und mein Verlobter mich fragte, ob wir nicht endlich heiraten wollen. Ja! Endlich, ich dachte schon, ich würde es nicht mehr erleben. So entschieden wir uns an unserem Jahrestag, der zu diesem Zeitpunkt nur noch 6 Wochen auf sich warten ließ, zu heiraten.

Es waren 6 stressige, aber schöne Wochen. Unsere Hochzeit war trotz Kugelbauch und wenig Zeit ein ganz wundervoller Tag. Es war für uns der Tag, an dem wir uns noch mal ganz bewusst für unsere Liebe, die Familie und die Zusammengehörigkeit entschieden haben.



Weitere Wochen vergingen und die Vorsorgeuntersuchungen waren weiter unauffällig. Es wurde zunehmend anstrengender und mit unseren Kleinen auch recht stressig. Unsere bis dahin Kleinste hatte öfter unruhige Phasen und von Schlaf wollte sie von Anfang an nie viel wissen. Auch die innerliche Nervosität stieg nun zunehmend an. Ich wollte die Kleinste bis zur Geburt gerne abgestillt haben. Außerdem stellte sich die Frage, wie ich entbinden möchte? Kaiserschnitt oder versuche ich es noch einmal auf natürlichem Weg? Auch ein Urlaub war noch geplant, schaffte ich das noch?

Irgendwie konnte ich die Schwangerschaft einfach nicht unbeschwert genießen. Wenn ich abends zur Ruhe kommen wollte, tanzte irgendwie immer eines der Kinder aus der Reihe. Mein Mann kommt am Abend grundsätzlich spät von der Arbeit, so dass ich mich auch nie hätte mal zurückziehen können.

Den Urlaub hatten wir bis auf Senkwehen ohne Strapazen ganz gut verbracht. Wieder zu Hause angekommen war mir klar, dass es nun so langsam Richtung Endspurt geht und ich körperlich etwas langsamer machen muss. Ich bereitete mich innerlich auf die Geburt vor. Unser Menschenkind war immer noch etwas klein, dafür aber sehr aktiv. Ich machte ein Termin zur Geburtsbesprechung und entschied mich nach diesem gegen einen Kaiserschnitt. Mir fiel ein Stein vom Herzen, wobei die Angst nicht von meiner Seite wich. Unsere Jüngste hatte ich inzwischen abgestillt und die Nächte wurden ruhiger. Nun konnte ich mich ganz auf unser Menschenkind einlassen und genoß die letzten Wochen oder Tage, denn zwischendurch waren schon immer mal deutlich spürbare Wehen dabei.

Es war Montag, der 26. September 2016, als ich es nach einem anstrengenden Tag am Abend endlich auf das Sofa geschafft hatte. Ich surfte ein wenig durch das Netz, bis mir aufgefallen war das unser Menschenkind sich noch gar nicht bemerkbar gemacht hatte. Ich stupste etwas gegen den Bauch, aber außer einem harten Bauch tat sich nichts weiter. Ich wurde unruhig, verwarf aber sofort alle negativen Gedanken. Gegen vier Uhr morgens schaffte ich es dann ins Bett, nachdem mein Mann mich auf dem Sofa aufspürte. Schlafen konnte ich nicht. Ich wartete auf ein Zeichen. Am Morgen rief ich direkt im Krankenhaus an und wir fuhren direkt in die Klinik. Im Auto kam ich mir plötzlich so albern vor. „Das war doch unser Menschenkind.“ Es klopfte einmal an, so kurz zwischendurch. Erleichterung verbreitete sich und ich ging ruhig ins Krankenhaus hinein. Dort angekommen gingen wir dann direkt zum Ultraschall. Der Monitor war seitlich von mir gedreht, so dass ich Mühe hatte etwas zu sehen. Die Ärztin schaute lange für sich, ehe dann die Frage kam, ob mein Arzt nie was zur Größe gesagt habe. Ich erwähnte, dass dies nicht ungewöhnlich wäre, da alle unsere Kinder sehr klein waren.

Doch dann sagte sie den wohl schmerzvollsten und schlimmsten Satz, den sie hätte sagen können: „Ihr Baby hat leider keinen Herzschlag mehr.“

Ich lag still da, verarbeitete kurz mal ihre Worte, um dann direkt den Kopf zu schütteln. Ich schaute sie an und sagte, dass dies nicht sein könne, dass das defintiv nicht geht, da wir sie im Auto gerade noch mal gespürt haben! Ja, wir! Denn auch mein Mann hatte sie gespürt.
 Sie schüttelte ruhig den Kopf.  Die vermeidlichen Bewegungen seien durch das Geschaukel im Auto entstanden, mehr nicht. Meine Augen füllten sich langsam mit Tränen, ich blickte zu meinen Kindern und schaute zu meinem Mann. Dann hielt ich meinen Bauch und ich schrie, ich schrie einfach nur. Ich sagte, dass dies nicht wahr ist. Die Ärztin zog einen weiteren Arzt hinzu, doch auch dieser konnte mir natürlich nur das Selbe bestätigen. Kopflos und nicht wissend, was nun kommt, saß ich da.

Mein Mann hatte zwischenzeitlich mit den Kindern den Raum verlassen. Ich frage die Ärztin, weshalb das passiert ist und sie sagte, dass man es mir noch nicht beantworten kann und das es möglicherweise auch für immer unbeantwortet bleiben wird. „So etwas passiert sehr selten, aber es passiert!“ Da waren sie wieder. Diese Worte. Sind sie mir inzwischen doch so vertraut.

Nun saß ich da und versuchte zu verstehen, was sie mir sagte. Dann wurde mir klar, dass mein Menschenkind trotzdem auf die Welt kommen muss. Nur wie? Der Gedanke, mein Baby auf natürlichem Wege zu bekommen, erschien mir so absurd und so fremd. Ich wollte einen Kaiserschnitt und ich wünschte mir, dass alles schnell vorbeigeht. Wir fuhren erstmal die Kinder nach Hause und warteten bis meine Schwiegermama kam. Immer noch kopflos lief ich durch die Wohnung. Ich wollte alles für das Krankenhaus fertig packen, aber das schaffte ich nur bedingt. Nachdem meine Schwiegermama dann da war und alles Notwenidge in der Tasche war, fuhren wir zurück ins Krankenhaus. Ich ließ auf der Fahrt noch mal alles Revue passieren und entschloss mich dazu, alles so zu machen und haben zu wollen, wie wir es uns gewünscht hatten – ob lebend oder tot. Es ist und bleibt unser Baby, unser Menschenkind.

Im Krankenhaus wurde kurz nach Ankunft alles vorbereitet und die Geburt eingeleitet. Meine Angst war erloschen. Die Einleitung zeigte rasch ihre Wirkung und es ging zügig voran. Wir wussten noch nicht einmal, ob wir einen Jungen oder ein Mädchen erwarten würden. Die Schwangerschaft über war ich auch sehr unsicher, was es ist. Es war mir aber auch egal. Intuitiv hatte ich beim Packen der Sachen einen rosafarbenen Stoffhasen mitgenommen.

Ich sollte um 21Uhr in den Kreißsaal kommen, aber bereits um 20:30 Uhr hielt ich es kaum noch aus, so dass wir in den Kreißsaal mussten. Um 21:00 Uhr war unser Menschenkind dann endlich da. Nach monatelangem Warten und all der Neugierde. Da war sie nun, unsere Elin. So zauberhaft, klein, perfekt … und tot. Ich hielt sie fest in meinen Armen. Mein Mann wich nicht von unserer Seite. Wir blieben die ganze Nacht mit unserer Maus zusammen.  




Es waren die wundervollsten, wichtigsten und zugleich schmerzhaftesten Stunden in unserem bisherigen Leben. Zur Erinnerung - der einzigen Erinnerungen, die wir jemals von ihr haben werden - machten wir ein paar Fotos von ihr und ein paar Hand- und Fußabdrücke, sowie ein Kettchen mit ihrem Namen! Doch ich wollte noch etwas ganz Persönliches von ihr. Sie hatte so viele schöne, dunkle Haare und so nahm ich ein paar einzelne Strähnen von ihr an mich. Der Moment, in dem wir sie am nächsten Morgen zurücklassen und sie loslassen mussten, war einfach nur schrecklich.

Von nun an lief alles wie in einem Film – Familie informieren, Bestattungsinstitut aufsuchen etc.. Nachdem alle Formalitäten erledigt und alles besprochen war, nahmen wir eine Woche später endgültig Abschied. Sie sah aus wie ein Püppchen und wir schauten sie uns noch eine ganze Stunde an, bevor mein Mann ( das war sein letzter Herzenswunsch für sie ) und ich, sie gemeinsam zu Grabe trugen. Das war der Moment des Abschieds. Ein Abschied für immer.

"Liebeskummer fühlt sich an wie ein kleiner Tod – das hingegen ist ein riesiger Friedhof, dessen Ende nicht sichtbar ist"

Heute ist es 4,5 Wochen her, seit wir sie verloren haben. Oft bin ich an ihrem Erdenbettchen. Ich weine viel, rede mit ihr und mache es ihr schön. Es ist das Einzige, was mir bleibt und irgendwie hilft.

Wir leben in einem Dorf und ich erfahre viel Stille um das Geschehene, leider auch vieles, was man lieber für sich behalten sollte. Aber unsere Familien und Freunde geben uns viel Halt. Wir haben uns an die initiative Regenbogen gewand und werden gemeinsam eine Selbsthilfegruppe besuchen. Ich hoffe sehr, dass uns das helfen wird.

Unsere Gesellschaft ist leider unheimlich abgeklärt und abgestumpft. Es muss sich noch einiges tun, um die Menschen dafür zu sensibilisieren. Es sollte für Sterneneltern noch viel mehr Hilfe und weitere Anlaufstellen geben.


Wir selbst sind für so viel Einfühlsamkeit, die wir in der Klinik erfahren durften, sehr dankbar. Auch für die Hilfe und den Beistand unserer Familie und Freunde werden wir ewig dankbar sein, denn das ist leider nicht selbstverständlich! 

Ina