Sonntag, 18. September 2016

GASTARTIKEL - Emotional berichtet Vanessa über das Familienleben mit ihrem ersten Pflegekind


"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
-Hermann Hesse-

Mit diesen wunderschönen, so berührenden Worten möchte ich mich euch vorstellen. Mein Name ist Vanessa, ich bin 35 Jahre jung und von Herzen eine glückliche Mutter von drei Kindern.
Dir, liebe Julia, möchte ich danken, für Dein Vertrauen, für die Möglichkeit und für den Raum, den Du mir auf deinem so zauberhaften Blog zur Verfügung stellst.

Unsere Geschichte ist mir eine besondere Herzensangelegenheit und ich hoffe, ihr habt Verständnis, dass ich den Namen, der kleinen Hauptperson, ändern muss. Ich werde sie liebevoll „Mogli“ nennen, wie das Kind, was aus dem Dschungel kam und ebenfalls einer „Herzfamilie“ angehörig war.
Genau heute, vor vier Jahren klingelte gegen 14.20 Uhr das Telefon. Ich erkannte gleich die Nummer unseres Jugendamtes und mein Herzschlag setzte eine Millisekunde aus, um dann umso schneller weiterzuschlagen.
So viele Wochen und Monate wurden wir in diversen Seminaren und Schulungen für werdende Bereitschaftspflegeeltern auf diesen Moment vorbereitet und nach nur zwei Wochen „standby“ sollte es schon so weit sein?!
Nur 20 Minuten nach den wichtigsten Fragen, weshalb, welche Umstände, wie alt etc., saß ich schon im Auto und fuhr mit zittrigen Händen in Richtung Jugendamt, um dort ein drei Wochen junges Babymädchen abzuholen, welches ab genau diesem Moment für unbestimmte Zeit einen sicheren Platz in unserer Familie benötigen würde.
So viele Dinge gehen einem in diesem Moment durch den Kopf. Ist es wirklich die richtige Entscheidung gewesen, sich für die Bereitschaftspflege zu entscheiden? Was macht das alles emotional mit meinen Kindern und mit mir?

Meine Kinder waren zu diesem Zeitpunkt 14 und 7 Jahre, somit aus dem Gröbsten raus und kognitiv und auch auf der Gefühlsebene in der Lage mit diesen Dingen, die Bereitschaftspflege mit sich bringt, zu verarbeiten.

Gleich die erste Begegnung mit „Mogli“ war wie Magie, so sehr hat sie mich berührt. Hilflos, schutzsuchend, so winzig, ein kleines verletzliches Wunder. Ich kannte weder ihren Namen, noch sonst irgendwelche relevanten Fakten und doch war sie mir so nah.

"Moglis“ Eltern verabschiedeten sich von ihr. Sie waren mit der Inobhutnahme einverstanden und konnten sie gut gehen lassen. Sie wussten, es war nur ein vorübergehender Aufenthalt bei uns, denn eine Rückführung hat, wenn irgendwie möglich, oberste Priorität.

„Mogli“ verbrachte etwa fünf Wochen bei uns. Wir hatten in dieser Zeit nahezu tägliche Besuchskontakte mit ihren Eltern. Sie durften sie immer für etwa zwei bis drei Stunden im Jugendamt abholen und mit ihr spazieren gehen, oder bei schlechtem Wetter, die Zeit dort mit ihrer Tochter verbringen. Die Kontakte verliefen häufig nicht nach „Moglis“ Bedürfnissen, sodass es schwierig war, sie an einen festen Rhythmus zu gewöhnen. Wenn „Mogli“ zur Ruhe kam, man ihr Zeit gab, konnte man ihr bei der Entwicklung förmlich zusehen. Sie trank gut, ihr Stoffwechsel kam langsam in Gang und sie öffnete immer öfter, wenn auch zaghaft ihre dunklen Äuglein, die einem, so schien es mir, mitten in die Seele blicken konnten. Ihr Blick hatte etwas so Weises, etwas Wissendes. Ich glaube, sie konnte in meinen Augen lesen, was ich für sie empfand. Kennt ihr dieses Gefühl?

Nach diesen fünf Wochen konnte sie sich selbstständig melden, wenn sie etwas benötigte, sie wurde wach, wenn sie Hunger hatte oder wenn sie nach einer frischen Windel verlangte und sie gurgelte, wenn sie einfach nur auf den Arm wollte.

Es kam der Tag X, viel zu schnell, viel zu unerwartet.

Nach richterlichem Beschluss sollte „Mogli“ mit ihrer Mutter in eine Mutter-Kind-Einrichtung ziehen, um dort die Bindung aufzubauen, die ein Kind zwingend benötigt, um sich entwickeln zu können. Bindung, Stabilität und ganz allgemein die Versorgung, sollten in der Mutter-Kind-Einrichtung gefördert werden. Ich fuhr also mit unserer Sozialarbeiterin und „Mogli“, in die Einrichtung um sie nach einer kurzen „Einweisung“; wieviel sie in welchem Abstand trinkt, wann und wie oft sie schläft und welche Rituale ihr helfen, sich sicher zu fühlen, an ihre Mama zu übergeben.

Ein letzter Blick, das letzte Mal ihren Duft einatmen, und dann die Türe ist zu. Was folgt? Jede Menge schwarz, Tränen, der emotionale Supergau.

Genau das ist mein Job. Für gewisse Zeit für Stabilität und Nestwärme zu sorgen! ich wusste, unsere Zeit war begrenzt. Ich wusste das alles… Vorher..! Aber vorher ist nicht nachher…
Sieben Wochen, voller Sorge, sieben Wochen, die mich das Beten gelehrt haben, es möge nichts passieren und sieben Wochen, die ich morgens nur für meine drei Lieblingsmenschen aufgestanden bin. Meine Kinder und mein Mann, wir sind in dieser Zeit sehr zusammengerückt, haben uns Halt gegeben. Die Geschichte um die leibliche Familie von „Mogli“ war sehr komplex. Dennoch, ihre Mama hat die Chance verdient, es zu schaffen, für ihr Kind zu kämpfen. Ich gönnte es ihr als Mensch, von ganzem Herzen. Aus Gründen des Respekts vor „Moglis“ Familie, kann ich nicht näher darauf eingehen, doch war ein Scheitern vorhersehbar.

Dann, der für mich erlösende Anruf, dass sie schon am nächsten Tag zurückkommen würde. 

Ich hatte Angst. Was machen 7 Wochen mit einem Baby? Sie war inzwischen 15 Wochen jung. Der Moment, sie wurde uns nach Hause gebracht, sie schlief im Maxi Cosi und öffnete erst nach ein paar Minuten die Augen. Sie schaut mich mit ihrem Blick an und lächelt sanft, sie liest, alles was ich ihr zu sagen habe, sieht sie in meinen Augen.

Ich erfuhr nur in Ansätzen was in der Zwischenzeit alles passiert war. „Mogli“ war auf Verdacht etwa drei Wochen in einem Krankenhaus gewesen, weil man schwerwiegende Störungen vermutete. Sie war in ihrer Entwicklung so weit zurück, dass man eine geistige Einschränkung nicht ausschließen konnte. Für eine eingehende Diagnostik war sie jedoch viel zu klein. Das würde warten müssen.

Nachdem „Mogli“ wieder bei uns eingezogen war, ließen wir ihr alle Zeit der Welt, wieder anzukommen. Zu verarbeiten und zur Ruhe zu kommen. Wir waren mehrere Wochen damit beschäftigt, ihren Lebenswillen wieder zum Erwachen zu bringen, sie wieder dazu bringen, Nahrung einzufordern, Bedürfnisse anzumelden. Ihre körperliche Entwicklung stellten wir ganz hinten an. Zu sehr war „Mogli“ mit anderen Dingen beschäftigt. Leises Vertrauen aufzubauen. Was hat sie wohl gedacht, in dem Moment, in dem ich sie verlassen musste? –Diese Gedanken verfolgen mich bis heute…

Nach vielen Monaten emotionaler Achterbahnfahrt, vielen schlaflosen Nächten und körperlicher und geistiger Erschöpfung, einer Gerichtsverhandlung und auch nach vielen Gesprächen mit dem Jugendamt, war endlich klar; 

Unser Herzenskind bleibt bei uns.


  
Es ist nicht üblich, aus Bereitschaftspflegefamilie, Dauerpflegefamilie zu werden. Die Bereitschaft ein Kind dauerhaft aufzunehmen ist größer, als nur für einen begrenzten Zeitraum. Die Angst vor dem Abgeben ist vielen zu groß. Inzwischen vervollständigt „Mogli“ seit vier Jahren unsere Familie und ist etwas ganz Besonderes. Ich lebe für  alle meine drei Kinder, liebe sie von ganzem Herzen. Ich habe zwei Bauchkinder und ein Herzenskind und fühle mich unendlich reich.

Wir kämpfen an vielen Fronten, gegen das Damoklesschwert, der Traumatisierung, erhalten und verarbeiten „Moglis“ Vergangenheit. Die aufgeschobene Diagnostik steht an. Und auch wenn ich mir so sicher bin, dass sie sich „nur“ etwas verzögert entwickelt und es mir als Mama ganz egal ist, wie langsam oder wie schnell sie lernt, ist es unabwendbar. Zu groß wäre die Gefahr der Überforderung im Kindergarten oder später in der Schule. Ich sehe die Diagnostik als Chance, sie zu schützen und nicht als Anhaltspunkt wie viele Therapien und Frühförderung wohl nötig sein werden um sie an die standarisierten Untersuchungsprogramme anpassen zu können.

„Mogli“ ist anders. Sie kann viele Dinge nicht, die sie eigentlich nach den modernen Entwicklungsbausteinen können müsste. Aber in diesen Bausteinen ist auch nicht vorgesehen, dass ein Kind fast 10 Monate auf die Sicherheit warten muss, ein festes Zuhause zu haben. Sie war wochenlang mit Überleben beschäftigt, für Entwicklung hatte ihr kleiner Organismus keine Zeit. Sie kann so viele andere Dinge. Dinge, die sie zu einem liebenswerten Menschen machen. Sie hat eine sehr ausgeprägte Wahrnehmung für ihre Umgebung, nimmt jedes noch so kleine Käferchen wahr, versorgt ihre Kuscheltiere mit einer wahren Hingabe und liebt es mir in ihrer Spielküche ausgiebige Mahlzeiten zuzubereiten.

Mir hat sie beigebracht, wir müssen lernen die Kinder dort abzuholen, wo sie stehen, ihnen Raum und Zeit für ihr ganz eigenes Tempo einzuräumen und natürlich zum richtigen Zeitpunkt mit Förderung der eigenen Stärken zu beginnen. Aktuell ist unser wöchentliches Highlight die Reittherapie. Regelmäßig muss ich schlucken, wenn ich sehe, dass sie loslässt, sich verlässt und sich traut, zarte Bindungen einzugehen.

Und manchmal, an den Tagen an denen sich ganz leise die Erschöpfung einschleicht, reicht ein Blick in diese dunklen Augen, so viel Liebe, so viel Dankbarkeit! „Mogli“ lehrt uns das Leben neu. Mit mehr Toleranz und mit noch mehr Demut, vor dem was wir haben und haben können.

D.A.N.K.E.

Meine Intention diesen Gastbeitrag für Löckchenzauber zu schreiben; Pflegekinder und Pflegefamilien haben immer noch viel zu häufig einen stigmatisierten Stempel. Ein Tabuthema! Ich wünsche mir mehr Aufklärung, mehr Informationen und mehr Menschen, die sich für dieses Herzensthema öffnen. Es geht um unsere Kinder, um Zukunft und um unsere Gesellschaft. Wenn ihr ein leises Flüstern in euern Gedanken hört, ich könnte mir das vorstellen, ich habe noch Platz im Herzen und im Haus, könnt ihr euch beim Jugendamt in eurer Stadt über alles ganz genau informieren. Es gibt in manchen Städten Informationsveranstaltungen. Es gibt den Verband für behinderte Pflegekinder, die für beeinträchtigte Kinder ein zu Hause suchen. Davor ziehe ich meinen Hut. Sehr lesenswert ist die Homepage www.moses-online.de auf der man zu allen Themen, die Pflegefamilien begleiten, Informationen bekommt. 

Ich würde mich wahnsinnig freuen, mit diesem Artikel viele von euch zu erreichen.

PS: Ich habe nach „Mogli“ weitere Kinder in Bereitschaftspflege betreut, die mich alle unterschiedlich berührt habe Aber „Mogli“ war unser Spiegel. Uns hat das Schicksal zueinander geführt. Es konnte gar nicht anders sein und es beweist, Kinder können auch im Herzen geboren werden 

„Mogli“ lebt bei uns als Dauerpflegekind und das voraussichtlich, so lange sie möchte. Sicherlich könnten ihre leiblichen Eltern diesen Beschluss jederzeit einklagen. In unserem Fall halte ich es jedoch für sehr unwahrscheinlich, dass ein Richter, diesem Antrag stattgeben würde. Eine Adoption ist leider zurzeit kein Thema, da dazu die Eltern ihr Einverständnis geben müssten. So darf „Mogli“ mit 18 dann selbst entscheiden (eine Namensänderung, wäre allerdings auch ohne Adoption möglich). Aber dafür ist „Mogli“ noch zu klein. Kinder sollten selber in der Lage sein, diesen Wunsch ganz bewusst zu äußern, denn für einige unserer Herzenskinder, ist ihr Name, die einzige Verbindung zu ihren Wurzeln.

Vanessa