Sonntag, 18. Dezember 2016

GASTARTIKEL - Mama Andrea berichtet über die Zeit mit ihrem zweiten "Schreibaby"

Koliken – man kann sie nicht verstehen bis man sie selbst miterlebt

Als ich im Dezember letzten Jahres erfahren habe, dass ich wieder schwanger bin, war ich natürlich wie die meisten Mütter wieder mega aufgeregt. Ich malte es mir wieder schön rosig aus: eine angenehme Schwangerschaft, ein gesundes Baby, eine brave große Schwester und zu allerletzt, ein ruhiges Baby ohne Koliken. 
Ich dachte nie an ein Schreibaby, denn unsere erste Tochter war eines und ich dachte nicht, dass wir den Jackpot haben könnten mit einem zweiten. Die Koliken-Zeit mit Ella war schon ziemlich heftig damals. Die ersten 3 Monate hat sie täglich geschrien. Zwischen 18:00-19:00 Uhr ging es meistens los und dauerte bis zu drei Stunden, manchmal auch länger. Das Gute war jedoch, dass sie immer nur abends zum Schreibaby wurde und wir trotzdem noch ruhige Tage hatten.

Damals dachten wir, es kann nicht schlimmer werden. Tja, da hatten wir uns getäuscht! Es ist tatsächlich schlimmer geworden und zwar so schlimm, dass es an den Kräften zehrte!
Meine Schwangerschaft mit Lina war ein Traum, bis auf einige Tage, an denen ich mich nicht wohlgefühlt habe. Ich konnte die Schwangerschaft in vollen Zügen genießen, da mein Mann zu dieser Zeit auch zu Hause war. Somit waren wir täglich zusammen, sowie auch ein eingespieltes Team mit Ella. Auch die Geburt verlief kurz und schmerzhaft. Schon im Krankenhaus hatte Lina einige Schreiphasen, aber nicht schlimm und auch nicht lang. Wir hielten das Ganze für ziemlich normal zu der Zeit. Ab dem Zeitpunkt , an dem wir endlich nach Hause durften, begann jedoch das Weinen. Leider war es nicht dieses süße Neugeborenen-Weinen, sondern ein richtiges Schreien und es zog sich über Stunden. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass es täglich um die 6 Stunden andauerte. Ihr Kopf wurde dabei knallrot, die Fäuste bereit für den Boxkampf und sie schrie. Sie schrie sich ihre Lungen aus dem Leib. Das ging von morgens bis abends, außer in der Zeit, wo ich sie stillte oder sie schlief. Wenn ihr noch nie ein Schreibaby erlebt habt, kann ich euch sagen, es zerreißt, es tut weh und es macht wütend. Es verursacht einen Rollercoaster der Gefühle und es spielt keine Rolle, dass das Baby ruhig ist, wenn es schläft, denn es beeinflusst trotzdem euer ganzes Wohlbefinden.

Ich bin ein handlungsorientierter Mensch und muss immer alles hinbekommen und "reparieren" und das meistens sofort. Ich wollte ihr helfen und ich wollte sie irgendwie beruhigen. Also fing ich an wieder Bücher, Artikel, Blogposts und Experten-Tipps zu lesen, aber nichts hat geholfen. Ich trug die kleine Lina kilometerlang in der Trage oder im Tragetuch, ging wie ein Flamingo auf und ab. Nebenbei musste ich mich natürlich auch um unsere Große kümmern, die gerade mal 1 Jahr und 7 Monate alt war. Mein Mann hatte inzwischen wieder die Arbeit begonnen und war unter der Woche nicht mehr da, wie ich es gewohnt war! Rückblickend frage ich mich, was ich in dieser Zeit ohne meine Mama und anderen Helferleins gemacht hätte? Oft war ich nach einiger Zeit so kaputt, dass ich einfach mitweinte. Ich fühlte mich als Versagerin. Ich als Mutter konnte mein eigenes Baby nicht beruhigen. Wir haben so viel Geld ausgegeben für alle möglichen Tropfen und Globulis und haben unzählige Experten-Tipps ausprobiert. Nur wer sie live miterlebt hat, konnte mich auch tatsächlich verstehen. Meistens konnte sie zu der Zeit niemand länger wie 30 Minuten halten, weil es ihnen zu viel war, oder es in Tränen endete und ich auch das Gefühl hatte, dass sie doch bei mir schneller zur Ruhe fand. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass es keine richtige Antwort zu diesen "Koliken" gibt, aber es definitiv richtig ist, sich Hilfe zu holen. Während dieser Zeit hat man das Gefühl, dass kein Ende in Sicht ist. Aber es gibt ein Ende!
Genau 3 Tage nachdem sie 3 Monate alt wurde, war der ganze Spuk vorbei. Wir haben seitdem ein komplett ausgewechseltes und zufriedenes Baby. Sie ist den ganzen Tag gut gelaunt, hat ein Lächeln bis zu den Ohren und weint nur noch bei Riesenhunger oder eben dann, wenn das Bäuchlein mal drückt.
Also Mamas und Papas: Es wird besser! Nach einem bestimmten Zeitpunkt wird es besser. Traut euch eure Familien und Freude um Hilfe zu bitten. Hätte ich meine Familie nicht in der Nähe gehabt, wären wir zu dem Zeitpunkt Stammkunden beim Lieferservice geworden, würden wahrscheinlich 15 kg weniger wiegen und wären psychisch total am Boden. Ich empfehle euch wirklich, jemanden zu bitten, euch in dieser Zeit zu helfen, damit ihr auch, wenn nur für kurze Zeit, in Ruhe ausgehen, ein Bad nehmen, einfach nur alleine raus an die Luft gehen oder mal in Ruhe ein Mittagsschläfchen halten könnt. Seid offen und sprecht darüber mit Eltern, die das Gleiche durchmachen oder durchgemacht haben. Zu wissen man ist nicht allein, kann einen auch nochmals stärken. Und zu allerletzt: seid gnädig zu euch selbst! Als Eltern erwartet man, dass man den Grund des Weinens oder Schreiens findet und man schnell eine Lösung dafür hat, aber leider ist ein Baby manchmal einfach nur ein Schreibaby.


DURCHHALTEN!

Sonntag, 11. Dezember 2016

Gastartikel - Eine anonyme Mama macht auf das sensible Thema früher Fehlgeburten aufmerksam.

Ich denke, fast jeder weiß, dass Fehlgeburten im ersten Schwangerschaftsdrittel häufig vorkommen und somit „normal“ sind. Doch was nicht fast jeder weiß, ist, wie schwer es dennoch für die Betroffenen ist. Deshalb möchte ich euch einmal mitnehmen:

Als ich im Frühjahr letzten Jahres erfuhr, dass ich nach gar keiner langen „Versuchszeit“ mit unserem ersten Kind schwanger bin, waren mein Mann und ich sehr glücklich. Den ersten Ultraschall-Termin legten wir so, dass er auf jeden Fall dabei sein kann. Die Vorfreude, unser Baby zu sehen, war riesengroß. Ich konnte es kaum erwarten, das kleine Pünktchen-Herz schlagen zu sehen! Als es dann so weit war, wurde die Vorfreude noch größer, eigentlich realisierte man nun erst richtig, dass in meinem Körper ein Minimenschlein heranwächst. Die ersten Wochen verliefen einfach super. Ich war erleichtert, von keiner Übelkeit geplagt zu sein und hatte tatsächlich bloß kleine Wehwehchen, die nicht der Rede wert waren. Zu jedem erneuten Wochenwechsel schaute ich morgens schnell auf mein Handy, um nachzulesen, was sich diese Woche nun alles im Baby entwickeln, was in meinem Körper passieren würde. Und immer wieder war ich vollkommen baff, wie viel sich in den ersten Wochen doch im eigenen Körper so tut! Ich dachte irgendwie immer, dass das meiste später passiert, aber das ist völlig falsch.

Der nächste Ultraschalltermin war in der 12.SSW. Um genau zu sein, in SSW 11+5. Ich wusste natürlich um die hohe Fehlgeburtenrate, war mir nun aber doch ziemlich sicher, dass ich jetzt – in der fast 13. SSW - „safe“ bin. Am Abend vor dem Termin bekam ich plötzlich leichte Blutungen. Nichts wildes, dachte ich mir, das kann und darf ja vorkommen. Als dann auch noch Unterleibsschmerzen eintraten, wurde ich ziemlich nervös. Unterleibsschmerzen können auch vorkommen, aber beides gepaart? Ich ging in die Badewanne um etwas zu entspannen und dann ins Bett. Am nächsten Morgen ging es super nervös zum Arzt.

Und genau dort kamen dann wohl mit die schlimmsten Worte, die wir jemals hören mussten: „Ich kann leider keinen Herzschlag sehen!“ Es war mucksmäuschenstill. Ich wollte etwas sagen, etwas fragen, aber ich brachte einfach keine Worte heraus.

Im Sprechzimmer sagte er dann, dass er bei dieser weit voran geschrittenen Schwangerschaft eine Ausschabung empfehle und für uns im Krankenhaus anrufen könne, um einen Termin zu vereinbaren. Noch völlig starr stimmten wir dem einfach zu (Ich bin sehr froh, dass ich auch im Nachhinein, als ich mich bei klarem Verstand selbstständig um meine Möglichkeiten informiert hatte, mich immer noch dafür entschieden hätte!). Wir konnten direkt ins Krankenhaus kommen. Dort wurde ich erneut untersucht und wieder diese Worte: „Es stimmt, es ist kein Herzschlag da.“ Ja, vielen Dank, höre ich mir gerne noch ein paar weitere Male an. 

Später weiter zur Aufklärung der Narkose. „Also Sie haben sich nun dafür entschieden.“ Ich musste kurz überlegen, was gemeint war. Nein, ich habe mich für gar nichts entschieden, ich habe mein Baby verloren! Diese Untersuchungen und Aufklärungen waren offensichtlich total die Routine bei den Ärzten, anscheinend vergaßen manche dadurch die gerade dort so wichtige Empathie. Die Schwester auf der Station und die Ärztin, die die Abschlussuntersuchung machte, waren aber sehr nett und zuvorkommend. Das muss ich fairerweise auf jeden Fall dazusagen.

Bei Familie und Freunden wollten wir die Schwangerschaft erst bekanntgeben, wenn wir im zweiten Trimester angekommen sind. Somit wusste keiner bescheid. Als wir von der Fehlgeburt erzählten, kamen verschiedene Reaktionen. Es gab welche, die mitgetrauert haben, es gab welche, die nur kurz „Tut mir leid“ sagten und dann gab es die, die fragten, ob es denn schlimm für uns sei und die, die sagten, ach, sie war ja noch nicht so weit.

An dieser Stelle sei gesagt: Natürlich ist es in gewisser Weise ein Unterschied, ob man sein Baby kurz vor der Geburt verliert oder im Anfangsstadium der Schwangerschaft. Aber liebe Leute, egal, ob in der 8., 12. oder 35. Woche. Wenn eine Mutter ihr Baby als ihr Baby angenommen hat - und das kann schon ab positivem Schwangerschaftstest sein - fühlt es sich nicht an, als würde da Gewebe (wie es im Krankenhaus genannt wurde) abgestorben sein. Es fühlt sich tatsächlich so an, als wäre sein Baby gestorben, denn so ist es nun mal auch.

Meine zweite Schwangerschaft war in den ersten Wochen eine starke psychische Belastung, ich hab erst in der 15. Woche vorsichtig aufgeatmet. Nachdem ich das Herz in der 11. Woche schlagen sehen hab, hab ich mich natürlich gefreut, im Auto aber erst mal geheult. Schließlich hatte das Herz meines ersten Babys doch auch geschlagen und wer weiß, ob dieses kleine Herzchen nicht auch noch aufhört? Heute kann ich mich glücklicherweise über eine ganz fabelhafte kleine Maus freuen.


Liebe Leser, ich bitte euch darum, den Müttern und auch nicht zu vergessen den Vätern, die sich egal zu welchem Zeitpunkt von ihrem Baby verabschieden mussten, viel, ganz viel Mitgefühl entgegenzubringen. Sie werden es euch vielmals danken. Nehmt es ernst, seid für sie da und spielt es um Gottes Willen nicht herunter!

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P.S.: Für neue Gastartikel meldet euch sehr gerne unter info@loeckchenzauber.de! Ich freue mich immer über weitere Themenvorschläge und einer kurzen Zusammenfassung von euch! 

Sonntag, 4. Dezember 2016

GASTARTIKEL - Es sind die Unterschiede, die uns einzigartig machen.

Puhhh, endlich - der Umzug zurück in die Heimat ist geschafft. Es ist der 20. August 2016, sonnig und sehr warm.
Mein Name ist Sindy, ich bin 29 Jahre alt und lebe gemeinsam mit meinem Mann und unserer kleinen Tochter. Ich bin so froh, endlich kehrt Ruhe ein und ich kann die letzten 4 Wochen der zweiten Schwangerschaft genießen – ja bald sind wir zu viert. Auch der Bauchzwerg hat es jetzt ruhiger, es wird ihm gut tun. Mein Mann und ich unternehmen jetzt noch so viel es geht mit unserer kleinen Tochter, die im Januar 2 Jahre alt wird. Sie freut sich schon riesig auf ihren kleinen Bruder und kann es kaum erwarten bis er endlich da ist.
Die Schwangerschaft verlief bisher sehr gut. Bis auf ein paar Kleinigkeiten, die wohl jede Schwangere kennt, war alles super. Wir entschieden uns, wie auch schon in der ersten Schwangerschaft, für den Test der Nackenfaltenmessung und den damit verbundenen Bluttest. Ja ich weiß, viele halten nichts davon, aber wir haben uns viel darüber unterhalten und für uns stand immer fest, dass wir uns ein Leben mit einem behinderten Kind einfach nicht vorstellen können. Der Test war negativ, es gab also keinerlei Anzeichen für eine Trisomie. Super, alles in Ordnung mit dem Zwerg. Auch alle weiteren Ultraschalluntersuchungen waren unauffällig. Es ist mittlerweile etwas mehr als eine Woche vergangen. Am 31. August quälte ich mich den ganzen Tag mit Ziehen im Unterleib – ich tat es als normale Senkwehen ab. Am Abend sind wir dann doch zum Check ins Krankenhaus gefahren und siehe da, es waren tatsächlich richtige Wehen. Der kleine Mann wollte also 3 Wochen früher als geplant auf die Welt. Leider sollte es auch diesmal ein Kaiserschnitt werden, eine Normalgeburt blieb mir leider wieder verwehrt. Es war kurz vor 23 Uhr, als unser kleiner Schatz das Licht der Welt erblickte. Ein Moment, der zu den schönsten im Leben zählt, oder zählen sollte. Von dieser Sekunde an änderte sich jedoch unser ganzes Leben.
Nur ganz kurz durfte ich in die Augen meines Sohnes blicken, dann brachten sie ihn weg. Eine gefühlte Ewigkeit später kam der Arzt, ich noch immer auf dem OP Tisch und faselte quasi im Vorbeigehen etwas davon, dass unser Sohn einen Fehler am Herzen hätte. Da war er auch schon wieder weg. Wir wussten weder wie groß, noch wie schwer unser Sohn war.
Nun lag ich da, mein Mann saß neben mir und uns liefen die Tränen. Unser kleiner Schatz, irgendwo ohne Mama und Papa und dabei ist er doch erst ein paar Minuten alt.
3 Stunden später durften wir für eine Minute zu ihm. „Nur schauen, nicht anfassen!“ sagte die Ärztin.  Es war so furchtbar – die unzähligen Kabel und mittendrin unser kleiner Wurm.
Mein Mann durfte über Nacht nicht bleiben, es wäre kein Platz für ihn, hieß es. Aber das man in solch einer Situation einander braucht, scheint nicht zu interessieren. Es war die schlimmste Nacht in meinem Leben. Ich war am Ende.
Am frühen Morgen kam mein Mann. Ich war endlich nicht mehr alleine.
Wir haben natürlich sofort versucht einen Arzt zu finden, der uns endlich sagt, was genau unserem Sohn fehlt. Aber Fehlanzeige – die Ärzte hätten jetzt alle keine Zeit.  Ein neues U-Heft gibt es ab 1. September, das müssen sie den Eltern die da sind erstmal erklären. Wie bitte? Ein solch blödes Heft ist wichtiger als uns endlich zu sagen, was Sache ist? Ich war einfach nur fassungslos.
Genau 15 Stunden nach der Geburt kam endlich eine Schwester zu uns und führte uns zu unserem Sohn. Ich durfte seine Hand halten, es war einfach nur wunderschön. Ich fragte, ob er denn keinen Hunger habe, ich war ja noch gar nicht zum Stillen bei ihm. Ganz plump antwortete die Schwester, er habe selbstverständlich bereits die Flasche bekommen. Ich fiel aus allen Wolken, jetzt haben sie mir auch das genommen. Das durfte nicht wahr sein.
Irgendwann war es dann endlich so weit – die Ärztin betrat das Zimmer und kam ganz nah zu uns, so,  als ob sie wollte, dass uns auch ja keiner hört. Sie fing an zu stottern und sagte dann, er habe nichts am Herzen, mit seinem Herz ist alles in Ordnung. Gott, was war ich erstmal froh, doch schon im nächsten Moment war ich unfassbar sauer. 15 Stunden mit dem Gedanken, unser Kind hat einen Herzfehler und plötzlich sagen sie dir, es ist alles gut?
Es herrschte Ruhe und sie begann wieder mit dem Stottern und redete drum gefühlt irgendwie herum. Und dann fiel der Satz: „Ihr Sohn hat wahrscheinlich das Down Syndrom.“ Zack – da war der Schlag mitten ins Gesicht. Ich konnte nichts sagen, wir haben nur noch geweint.  Es kreiste alles durch meinen Kopf. „Warum? Der Test war doch negativ, wieso wir? Wie sollen wir das schaffen?“. Ich war wie in Trance. Die Ärztin gab sich keine große Mühe. Sie sagte immer „Solche Kinder haben dies und das….“, ich nahm es irgendwie gar nicht richtig wahr. Allesamt hatten nur „Schiss“, uns die Wahrheit zu sagen. Man kam sich vor wie aussässig, als wären wir jetzt Menschen anderer Klasse. Ich hatte noch nie so ein Gefühl, es war einfach nur grausam.
Ich fragte, woran Sie erkenne, dass er das Down Syndrom habe. Sie hat jahrelange Erfahrung, sowas sehe sie eben. Die Ärztin sagte uns noch, sie lege mir Unterlagen bereit, da kann ich mich über das Down Syndrom informieren. Dann war sie auch schon weg und wir saßen am Bett unseres Sohnes mit einer Diagnose, die wir in diesem Moment nicht für möglich gehalten hätten. Unzählige Tränen flossen über unsere Wangen. In diesem Moment ging die Tür auf. Unsere kleine Tochter mit ihren nicht mal 2 Jahren kletterte auf meinen Schoß, nahm meinen Kopf in ihre Hände und sagte: „Mama nicht weinen, alles gut.“ Sie wischte meine Tränen weg. Dann sah sie das erste Mal ihren Bruder, auf den Sie so lange gewartet hat und aus ihrem kleinen Mund kam nichts anderes als „Mein Baby!“ und sie strahlte über das ganze Gesicht.
Es klingt verrückt, aber in diesem Moment wusste ich, was wirklich zählt. Mir war plötzlich egal, dass unser Sohn behindert ist. Ich machte mir keine Sorgen mehr, was die Zukunft mit ihm bringen würde – ich war überglücklich zwei wundervolle Kinder mein eigen nennen zu können.  Ich schämte mich ungemein, jemals gesagt zu haben, ein behindertes Kind würde ich nie austragen wollen und ich tue es bis heute.
3 Tage lagen noch vor uns bis wir endlich nach Hause durften. Und die Tage waren die Hölle. Ich musste so kämpfen, dass ich meinen Sohn stillen durfte. Die Schwestern sagten immer: „Solche Kinder kann man schlecht stillen, das ist auf Grund ihrer längeren Zunge kaum möglich.“ Aber wir haben es ihnen gezeigt. Er liebte das Stillen und er trank so gut, dass er nicht mal viel an Gewicht verlor. Die Schwestern taten es als Zufall ab und sagten, das würde sich noch ändern.Und dann waren da ja noch die „versprochenen“ Infobroschüren. Ich glaube, im dritten Satz war zu lesen „Kinder mit Down Syndrom sind anfällig für Leukämie usw.“  - vielen Dank, die Broschüre können sie behalten. Genau so etwas braucht man nach solch einer Diagnose.
Endlich war es dann soweit, wir durften nach Hause – endlich weg von diesem schrecklichen Krankenhaus. Es konnte nur besser werden, dachten wir. Wären da nicht noch die Krankenkassen. Unsere Hebamme schrieb uns eine Empfehlung für eine Haushaltshilfe, welche mein Mann übernehmen sollte. Wir hatten gute Gründe, der zweite Kaiserschnitt, ein Kind unter 2 Jahre und dann die Diagnose Down Syndrom. Mein Man sollte mich eben unterstützen können. Eigentlich reicht es, dies bei der Krankenkasse einzureichen, nur nicht so bei unserer. Unzählige Telefonate und Briefe über Wochen und dann ein Satz, der mich sprachlos machte. Mein toller Sachbearbeiter fragte mich zum gefühlt tausendsten Mal, warum ich diese Haushaltshilfe brauche und ich zählte ihm nochmals die Gründe auf.  Und dann sagte er tatsächlich zu mir „Das ihr Kind das Down Syndrom hat, interessiert uns nicht.“ Ich war sprachlos . Wie kann man einen solchen Satz von sich geben? In der heutigen Zeit? Was folgte, ist klar. Ich beantragte sofort einen Kassenwechsel.
Es verging einige Zeit, unzählige Termine standen auf dem Programm. Frühförderung, Termine bei der behinderten Beratung und noch viele mehr.  Auf einen Termin bei der Gentechnik warteten wir bis zum 15. November. Leider braucht man einen solchen Termin, denn hat man nicht schwarz auf weiß das wirklich eine Behinderung vorliegt bekommt man keinerlei Hilfe oder Zuschüsse. Der Tag war endlich da, der Termin, auf den wir so lange warteten. Und plötzlich wollte ich das Ergebnis nicht wissen. Was sollte es denn ändern? Wir lieben unseren Sohn, wir lieben unsere Kinder. Und es ist so egal, ob er behindert ist oder nicht. Aber uns blieb nichts anderes übrig. Die Ärztin war wirklich sehr nett und gab sich große Mühe. Sie erklärte uns, wie eine Trisomie entsteht und welche Arten es gibt. Dann folgte die Blutabnahme und Entnahme von Mundschleimhaut. Und dann durften wir auch schon nach Hause. Ein paar Tage später wussten wir dann, was wir eigentlich schon wussten – unser kleiner Schatz hat das Down Syndrom. Es klingt komisch, aber ich bin so froh, dass dieses Thema endlich vom Tisch ist. Wir können nun nach vorne schauen und wieder leben.
Unserem Sohn geht es hervorragend. Er hat keinerlei Beeinträchtigungen oder Probleme. Er ist genauso gesund wie jedes andere Baby – eben nur etwas anders, nein besonders. Ich möchte allen werdenden Müttern und Müttern sagen, ein behindertes Kind ist genauso wundervoll wie jedes andere auch. Es ist normal sich Gedanken zu machen ob man einer solchen Aufgabe gewachsen ist, auch ich komme noch oft an solch einen Punkt - aber ich kann euch sagen, es lohnt sich! Rückblickend bin ich froh, dass ich nicht vorher wusste, das unser Sohn behindert ist. Sonst wäre er nicht bei uns. Wenn mich heute einer fragt, ob ich in einer Schwangerschaft nochmals einen Test auf Trisomie machen würde – nein! Heute weiß ich es besser und ich glaube, es hat seinen Sinn, warum wir ein besonderes Kind bekommen haben. Wir alle können uns glücklich schätzen, dass Kinder unser Leben bereichern, sie geben so viel Liebe und genau aus diesem Grund ist es ganz egal, ob sie „anders“ sind oder eben nicht. Auch wenn man Steine in den Weg gelegt bekommt, man wächst daran und ich werde für meine Kinder kämpfen – für immer.



Sonntag, 27. November 2016

GASTARTIKEL - Kleine Seelen - Ein Plädoyer für Freiheit


Immer mal wieder treffen wir alle auf Mamas, die es anders machen, als wir selbst. Ich treffe fast immer auf Mamas, die es anders machen als ich. Ich lebe für mich und meine kleine Tochter, die nun 2 Jahre alt ist, unerzogen. Unerzogen, das meint, dass darauf verzichtet wird, Kinder nach den eigenen Vorstellungen durch Lob, schimpfen und künstliche Grenzen sowie Konsequenzen zu formen.
Viele von euch wurden nun schon mit diesem etwas irreführenden Begriff konfrontiert und verdrehen innerlich die Augen. Ich möchte euch hier gern schildern, was unerzogen für mich NICHT bedeutet. Es bedeutet nicht, sein Kind sich selbst zu überlassen, nicht es in Watte zu packen und überzubehüten. Es bedeutet nicht, das Kind zum Familienoberhaupt zu machen und sich selbst und seine Interessen aufzugeben. Vielmehr bedeutet es, sich ganz auf diesen kleinen Menschen einzulassen, seine Bedürfnisse weiterhin so wahrzunehmen wie zur Babyzeit, sein Verhalten nicht über sein Sein zu stellen. Es bedeutet, ihm Freiheit zu schenken, Freiheit zu sein, sich zu erfahren, zu lernen und zu verstehen. Und somit auch sich selbst.
Dieses ganze Wissen habe ich mir nun 2 Jahre lang erarbeitet und tue es noch. Auf diesen bezeichnenden Begriff stieß ich selbst erst vor Kurzem und will mich mit ihm gar nicht solange aufhalten, da er eigentlich keinen Erziehungsstil beschreibt sondern eine Einstellung dem Kind gegenüber. Alles was damit zu tun hat überschreibt quasi die eigenen Programmierungen durch die eigene Erziehung.  Das bringt mich nun dazu, euch meine Geschichte zu erzählen.
Ich wurde sehr autoritär erzogen. Die Eltern waren die wichtigste Instanz, Erwachsene per se glaubwürdiger und immer zu ehren. Ich habe viel gelitten als Kind, ich musste schon früh lernen, dass meine Bedürfnisse und Gefühle nicht wichtig und nicht schützenswert waren. Es war alles dabei was man sich so vorstellen kann an herkömmlicher psychischer Gewalt, hin und wieder auch Schläge. Diese Erfahrungen haben sich tief eingebrannt. Noch heute werde ich ständig damit konfrontiert, habe undefinierbare Ängste vor Chefs oder Ärzten so wie früher vor meiner Mutter und Lehrern. Ich könnte mich ja falsch ausgedrückt oder benommen haben.
Für mein Töchterchen nun wünschte ich mir schon zur Zeit der Schwangerschaft etwas anderes. Sie sollte keine Angst vor mir haben, nicht bangen müssen, nicht untröstlich sein. Ich wollte sie beschützen vor allem, was mir eine glückliche Kindheit genommen hat. Und wie das so ist, wenn man sich unbedingt abgrenzen will, aber nicht genug über Alternativen weiß, habe ich erstmal versagt.
Im ersten Jahr war ich oft überfordert und ja, ich habe mein kleines unschuldiges Baby angeschrien und war ein paar Mal grob zu ihr. Ich hatte solche Angst so zu sein wie meine Mutter, dass ich das Wesentliche aus den Augen verlor und aus der Unzufriedenheit meines Babymädchens schloss, nicht genug für sie zu tun. Das machte mich wütend, denn ich war ständig mit meinen Ängsten konfrontiert und arbeitete dagegen an, sodass ich dachte, das müsste doch zusammen mit der prompten Erfüllung ihrer Bedürfnisse genügen.
Erst nach knapp einem Jahr, als ich mich einer Fenkid-Gruppe anschloss, erkannte ich worum es wirklich geht. Nämlich: Nicht um mich sondern um mein Mädchen. Ich erkannte, dass sie nicht meinetwegen unzufrieden war, sondern ganz einfach weil sie so gern viel mehr können wollte. Ich erkannte, dass ihr Verhalten niemals gegen mich gerichtet war, dass sie nicht absichtlich quengelte wenn wir mit dem Kinderwagen unterwegs waren, in dem sie sich nicht frei bewegen konnte. Ich erkannte, dass nichts an ihrem Verhalten provokativ war. Und ich erkannte und erkenne immer wieder, dass die herkömmliche Art, sein Kind zu erziehen mich und mein Mädchen verletzt.
Und so kam ich über Literatur und Google zu "unerzogen" und endlich fühlte es sich richtig an. Für mich und sie ist es der richtige Weg. Ich hatte ohnehin so viele Ängste, dass es mir keine Angst machte, mich meiner eigenen Erziehung, Kindheit und den Eltern meiner Kindheit zu stellen. Das ist nämlich etwas, was vielen Angst macht: Die Erziehung ihrer eigenen (geliebten) Eltern zu hinterfragen, mit der Erkenntnis, dass diese oftmals nicht okay gehandelt haben. Wer keine Angst hat, oder sich nicht gut fühlt, bei dem wie er mit seinem Kind umgeht und Hintergrundinformationen braucht, warum das so ist, empfehle ich das Buch "Liebe und Eigenständigkeit" von Alfie Kohn.

Was bedeutet das nun aber für unser Leben, auch auf die Zukunft gerichtet und überhaupt, wo ist denn hier der Vater? Mein Mann und Vater unserer Kleinen ist herkömmlich traditionell eingestellt, boykottiert meinen Weg aber nicht. Da sich unser Mädchen ohnehin mehr an mir orientiert und er bis kurz vor Schlafenszeit arbeitet, gibt es da bei uns kaum Streitpotenzial. Hin und wieder weise ich ihn aber darauf hin, wenn ich sein Verhalten der Kleinen gegenüber ungerechtfertigt finde.
In unserem Alltag gibt es noch keine Kita, aber viele gleichaltrige Kinder aus unterschiedlichen Haushalten. Es gibt Besuche hier und dort, es gibt das Spielen auf dem Spielplatz. Alles birgt für uns viele Auseinandersetzungen, was mal positiv und mal negativ besetzt ist. Einfach einfach ist es nicht (mehr), wenn man sich auf unerzogen eingelassen hat. Es geht immer wieder darum, das Verhalten des Kindes zu übersetzen. Zum Beispiel, weil ich weiß, es beschäftigt die meisten immer wieder, warum will mein Kind nicht mit dem Besuchskind teilen.
Der einfache, wenn auch nicht weniger stressige, Weg ist es, das Kind zu berufen und die gebunkerten Spielsachen dann als "Machthaber" zur Verfügung zu stellen. Mein Weg ist es, mich zu fragen warum mein Kind wohl gerade ein Problem damit hat, etwas herzugeben und sie in ihrem Gefühl zu unterstützen. Auch wenn das bedeutet, dass der Besuch zurückstecken muss. Ich löse dies so, in dem ich die andere Mama bitte, ein Spielzeug ihres Kindes mitzubringen, das es dann im Gegenzug auch nicht hergeben muss. Umgekehrt halte ich es genauso und es geht wirklich viel entspannter zu. Für die Kinder an sich ist dieses Verhalten nämlich völlig normal, keines der beiden möchte unbedingt und gerne sein Spielzeug teilen. Und so kann man immer wieder eine blöde Situation retten, ohne dem Kind alle Auseinandersetzungen zu ersparen, die ja wichtig sind für die Entwicklung.

Jetzt werdet ihr mich fragen WIE mein Kind denn das Teilen lernt, wenn ich ihm die Situation derart "vereinfache". Ich behaupte, dass das von ganz alleine geht. Mit meinem Vorbild und ihrem Heranreifen wird sie schnell verstehen, wie schön es ist, etwas, an dem man Freude hat, zu teilen und ebenfalls Freude zu schenken.
Andere Beispiele, die gern herangezogen werden, sind Medien- und Süssigkeitenkonsum, selbstbestimmtes Schlafengehen und Körperpflege. Ich persönlich halte es so, dass ich meiner Kleinen die Entscheidung nicht gänzlich überlasse, aber alles zu ihren Gunsten und ihrem Spaß entscheide. Also, sie darf Fernsehen soviel sie will, aber ich suche aus, was. Sie darf (nur) eine Kinderschokolade am Tag essen, aber sie entscheidet wann. Ich wähle die Schlafenszeit, aber variiere  plus minus eine Stunde, je nach Grad der Müdigkeit oder des Tagesablaufs. Ich sage, dass ich sie wickeln oder baden möchte, aber sie hat die Wahl ob jetzt oder später, wenn sie dazu bereit ist.

Was bedeutet so eine Lösung also für die Zukunft?

Das Kind wird irgendwann etwas müssen, denken viele. Keiner wird sich dafür interessieren, warum es etwas nicht tun wollen wird. Und überhaupt, wo kommen wir denn dahin, wenn jedes Gefühl berücksichtigt wird und Mama an der Seite steht. Das geht ja im Berufsleben auch nicht mehr.

Ich bin davon überzeugt, dass unsere Kinder mit einer bedingungslosen Basis, ohne Druck, gesellschaftliche Zwänge ("müssen"), Lob und Tadel, jede Hürde, die sich im Laufe ihres Lebens ganz natürlich von sich aus ergibt, meistern werden. Ich glaube, dass das Vertrauen und den Beistand den sie jetzt, in ihren kleinen Jahren, bekommen sich tief in ihre kleinen Seelen setzt und diese schützen kann, wenn jemand ankommt, der nicht fähig ist ihre Integrität zu wahren. Ich glaube, dass sich alles fügen wird. Jeden Tag, eins zum anderen. Unterschätzt nicht eure Vorbildfunktion, unterschätzt nicht, was ein warmes, geborgenes zu Hause in den kleinen Herzen bewirkt. Für immer.




Zum Abschluss möchte ich sagen, dass wohl keine Familie ihre Vorstellung von Erziehung und Zusammenleben zu 100% verwirklichen kann. Und mir geht es da nicht anders. Jeder Tag ist ein Neubeginn, den ich mal nach meinen Vorstellungen und Wünschen verlebe und mal diesen entgegengesetzt, weil ich schwach bin. Ich halte das für natürlich, wie so vieles was uns im Leben begegnet und habe ebenso Verständnis für euch angestrengten Mamas da draußen, die ihr euch über meinen Artikel aufregt, weil ihr ihn für unrealistische Träumereien haltet. Ich kenne es zu gut, wenn einem etwas Neues Angst macht.

Ich wünsche uns allen, dass wir unseren Weg mit unserem Kind finden, auf dem wir uns wohl und sicher fühlen.

Eure Katharina

Mittwoch, 23. November 2016

geliebt - verwöhnt - verzogen

Diese Schlussfolgerung scheint in vielen Köpfen so derart fest verankert, dass es mir ein inniges Bedürfnis ist, endlich über diese Fehlinterpretation zu schreiben. Liebe, auch sehr viel Liebe, schließt Erziehung nicht aus, keinesfalls tut sie das. Jedenfalls nicht unter unserem Dach.

Oft lese ich in den Weiten verschiedener „Social-Media-Kanäle“ davon, dass aus verwöhnten Babys unselbstständige und unerzogene Kinder werden. Ich kann einfach nicht verstehen, warum man diese Dinge miteinander vermischt. In meinen Augen hat das eine mit dem anderen überhaupt gar nichts zu tun. Als es vor kurzem um das Thema Familienbett ging, konnte mich eine Leserin in den Kommentaren der Facebookseite „Liebes Leben“ doch sehr amüsieren. Sie schrieb, dass wir bei unserem übertrieben liebevollen Umgang mit unseren Kindern ziemlich entspannt sein können, schließlich müssen wir ja später nicht 5 Tage die Woche „neben diesem Arschloch“ sitzen. ;-) Herrlich. Die Dame war kinderlos, was mich gleich noch viel mehr zum Schmunzeln brachte. Sie führte ihre Meinung weiter aus, in dem sie das Familienbett als „bockigen Willen“ unserer Kinder bezeichnete, dem wir nachgeben würden.

Das natürliche Bedürfnis nach Nähe und Liebe hat also etwas damit zu tun, dass wir dem Kind seinen „Willen“ lassen. Diese Aussage ist so haltlos und schwachsinnig, dass man als weise Mutter nur schmunzeln kann. Super hingegen fand ich die Antwort der Seiteninhaberin, denn sie konterte Folgendes:

„Du bist nicht mehr auf dem neuesten Stand! Genau das ist in soziologischen Studien bereits mehrfach deutlich widerlegt worden. Kinder die geborgen wachsen dürfen, verhalten sich im späteren Leben deutlich sozialer und verantwortungsbewusster. Die Arschlöcher im Büro sind eher die, die Nähe, Gleichwürdigkeit und Verständnis nicht erfahren haben, sondern Ellenbogen...“

Besser hätte ich es nicht formulieren können, liebe Steffi! Chapeau!

Eigentlich liest man heutzutage wirklich schon sehr, sehr viel Schönes über das Empfangen der Neugeborenen und das Miteinander zwischen Eltern und ihren Kindern. Leider scheint es immer noch zu wenig zu sein. Ich möchte damit nicht sagen, dass es zu wenig Menschen gibt, die so leben und handeln wie wir. Ich möchte sagen, es gibt zu wenig Menschen, die die Hintergründe dazu kennen und verstehen.

Seinen Kindern sehr viel Liebe mit auf den Weg zu geben, heisst in keinster Weise, dass wir den Kindern keine Grenzen aufzeigen. Für uns persönlich finde ich sie sogar sehr wichtig. Es sind Grenzen in den unterschiedlichsten Bereichen. Es wird nicht gehauen, es wird in gewissen Situationen geteilt, es gibt Zeit für uns als Eltern etc...

Ich las gerade erst davon, wie eine Mama schrieb, ihre Kindern müssen bei Besuch von anderen Kindern NICHTS von ihrem Spielzeug abgeben, wenn sie es nicht wollen. Ich war vollkommen erschrocken, wie viel Zuspruch dieser Artikel fand. Für uns gilt, dass besondere Sachen, die den Kindern am Herzen liegen, gerne weggeräumt werden dürfen bevor Besuch kommt. Sie dürfen sich also gewisse Sachen schützen. Gab es beispielsweise gestern am Geburtstag die langersehnte Puppe, dann darf sie diese auch auf dem Arm halten und für sich beanspruchen, ohne sie teilen zu müssen. Aber das gesamte Kinderzimmer als Tabuzone für andere Kinder einrichten? Ich bin wirklich unglaublich überrascht und frage mich, wohin das im Erwachsenenalter führen soll, auch wenn ich damit nun bei dem einen oder anderen anecken mag.
 Schliesslich erfreut es auch meine Kinder, wenn sie woanders zum Spielen sind, dass sie die Dinge ihrer Freunde nutzen dürfen. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis ist das im Übrigen glücklicherweise vollkommen normal.

Auch die Vermittlung von Werten, wie ich sie gelernt habe ist mir wichtig, z.B. die Höflichkeit. Für die eigenen Werte einzustehen und eigene Grenzen klarzumachen bedeutet eben auch, dass Kinder manchmal zurückstecken müssen, dass sie lernen müssen, dass sie einige Dingen einfach nicht dürfen. Für mich gehört das einfach zu einem friedvollen Miteinander dazu.

Zusammengefasst bedeutet das also, dass man trotz aller Liebe und Geborgenheit auch konsequent sein sollte und das eine gewisse Strenge von Nöten ist, um im späteren nicht immer friedlichen Strudel des Lebens nicht unterzugehen.

Aufmerksame Leser meines Blogs wissen, dass unsere Töchter hier definitiv im Mittelpunkt stehen und tagtäglich sehr viel Liebe erfahren. Hier dürfen alle beisammen schlafen, wenn sie es möchten. Hier wird mit fast 2 Jahren noch immer gestillt und bei Bedarf getragen. Viel, viel körperliche Nähe ist hier an der Tagesordnung, was heute ja leider oftmals vergessen wird. Dabei ist es das wohl Allerwichtigste, wenn es darum geht, geborgen groß zu werden.

Eltern, die nicht so ähnlich leben, wie wir, behaupten oft, die Kinder werden zu sehr verwöhnt. Verwöhnt mit Liebe? Gibt es so etwas? Kann zu viel Liebe einen kleinen Menschen für später negativ beeinflussen? Ich sage, es kommt ganz drauf an.
Für alles gibt es eben einfach eine Grenze. Wenn ich mir vorstelle, wir würden an den Wochenende regelmäßig beide Mädels erst ins Bett legen, wenn sie quasi schon im Sitzen unten eingeschlafen sind, ja dann bin ich selbst so weit, dass ich schlafen gehe. Wo bleibt da die ohnehin schon wenige Zeit mit dem Partner? Zurückstecken ja, gerne, aber aufgeben nein, danke!

Ich erwarte von der Großen trotz aller Liebe ganz klar auch Disziplin in gewissen Maßen. Und dabei bin ich durchaus sehr konsequent. Konsequenz lernt auch der Kleinsten bereits kennen, nur sind die "Anforderungen" natürlich ganz minimal. Hier werden quasi gerade die ersten Bausteine gesteckt.

Auch meine Eltern haben mich früher erzogen, es gab ganz klare Regeln und Grenzen und ich denke immer, aus mir ist ein nicht so verkehrter Mensch geworden. Ich wüsste nicht, dass es mir nachhaltig Schaden zugefügt hat, ganz im Gegenteil. Ich könnte jetzt ausholen und witzige Anekdoten und darauf folgenden Bestrafungen ausführen, aber das sprengt den Rahmen und geht am Thema vorbei. ;-) Ich finde jedenfalls, sie haben ihren „Job“ ganz gut gemacht.

Mit diesen Worten heute möchte ich unbedingt mit dem oft verbreiteten Vorurteil aufräumen, dass aus Kindern, die viel Liebe bekommen, schwache und unselbstständige Persönlichkeiten werden.

Gerade WEIL wir unsere Kinder lieben, sind wir auch konsequent. Unser Weg bedeutet, unseren Kindern zu geben, was sie wirklich brauchen. Das ist Liebe, Nähe und Zeit miteinander.


Liebe macht stark. Liebe macht selbstbewusst und sicher alles andere als unselbstständig. Liebe erdet, Liebe tut der Seele gut und eine gute Seele formt den Menschen, einen GUTEN Menschen.

Eure Julia

Sonntag, 20. November 2016

GASTARTIKEL - Wenn dein Baby in SSW 23 + 0 auf die Welt geholt wird.

Hallo, mein Name ist Conny und ich bin 28 Jahre alt. Im September letzten Jahres bin ich zum zweiten Mal Mutter geworden. Ein absolutes Wunschkind, auf das wir uns so gefreut haben. Als ich die Bestätigung der Schwangerschaft in der Hand hielt, konnte ich mich vor Freude kaum halten. Ich war die stolzeste Schwangere der Welt und kaufte direkt einen Vorrat an Umstandsmode ein. Wohl bemerkt war ich in der 6. Woche! Die Schwangerschaft verlief völlig normal. Mir ging es so lange gut bis meine Frauenärztin mich auf Protein im Urin aufmerksam machte. Ich bekam direkt eine Überweisung ins Krankenhaus und so nahm der Albtraum seinen Lauf. Ich hatte in der ersten Nacht 6 Liter Wasser eingelagert, was den Chefarzt dazu veranlagte, mich in eine Uni Klinik verlegen zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt war ich erst in der 19. SSW. Dort angekommen begann ein Wettlauf gegen die Zeit. Meine Blutwerte (Thrombozyten) wurden immer schlechter und doch hatte ich die Hoffnung, das alles mit meinem Wunschkind zu überstehen. Zwischenzeitlich ging es mir dann tatsächlich auch immer besser.

Doch am 11. September kam alles anders. Ich hatte die schlimmsten Schmerzen meines Lebens und musste mich sekündlich übergeben. Eine Schwester entnahm mir zur Kontrolle Blut. Eine halbe Stunde später standen mehrere Ärzte an meinem Bett. Sie sagten mir, dass sie jetzt sofort einen Kaiserschnitt machen müssten, da mein Leben in Gefahr sei. Ich war geschockt! Zu diesem Zeitpunkt war ich schliesslich erst in der 23+0 SSW. Da ich Kinderkrankenschwester bin, wusste ich dementsprechend auch sofort, was das bedeutet. Für mich stand fest: Ich möchte diesen Kaiserschnitt definitiv nicht durchführen lassen. Ich habe mich wirklich dagegen gewehrt. Mein Mann wurde direkt aus dem Bett geklingelt. Man schilderte ihm alles und er sollte entscheiden. Er konnte es nicht. Wie sollte er auch entscheiden? Entweder seine Frau oder sein Kind. Furchtbar. Wir waren machtlos. Ich musste also einen Kaiserschnitt über mich ergehen lassen. Im Hinterkopf immer der Gedanke, dass mein Baby gleich sterben wird.

Um 5:38 Uhr wurde unsere kleine Maus geboren. Winzige 25cm klein und zarte 380 Gramm leicht.

Ich war so wütend. Wütend auf mich, auf die Ärzte, einfach auf die ganze Welt. Ich konnte es nicht verstehen. Wir haben gerade erst erfahren, dass wir ein zweites Mädchen bekommen und jetzt sollte alles vorbei sein?! Ich stand völlig neben mir, habe geweint und geschrien. Es war einfach unglaublich schrecklich. Meine kleines armes Mädchen in diesem Inkubator zu sehen. Sehen, wie sie leiden musste. Ich lag direkt nach der Geburt einige Minuten alleine im Kreißsaal. Ich muss dazu sagen, dass mein Mann ungefähr 1 Stunde bis zur Klinik fahren und erstmal ein „Kindermädchen“ finden musste. Ich war so froh als ich ihn dann endlich sah und brach direkt in Tränen aus. Ich war von dem Kaiserschnitt so mitgenommen, dass ich immer wieder einschlief. Nach einiger Zeit klingelten wir, da wir wissen wollten wie es um unser Kind stand Leider bekamen wir jedoch keine Informationen. Ich schickte meinem Mann auf die Station, auf der unsere Maus bereits 2 Stunden um ihr Leben kämpfte. Er kam jedoch ohne Informationen wieder. Es war so schlimm. Ich wollte wissen, wie es um sie steht, ob sie lebt und überhaupt. Alle sind uns aus dem Weg gegangen bis mir schließlich der Kragen platzte. Ich klingelte und teilte der Hebammenschülerin mit, dass ich sofort mit einem Kinderarzt sprechen möchte. Ginge dies nicht, würde ich alleine auf die Station gehen. Endlich passierte etwas. Der Arzt, der de Kaiserschnitt durchführte, betrat mein Zimmer. Bevor er sich vorstellen konnte, fragte ich ihn, ob meine Tochter leben würde. Dies bejahte er. Puuuuh, ich war so froh!! Er teilte uns mit, dass sie sehr unreif sei (...was ja kein Wunder war) und das wir die nächsten Stunden abwarten müssen. Nach dem Gespräch brachte mich eine Hebamme zu meiner winzigen Tochter. Ich befand mich in einer Art Schockstarre. Ich sah mein kleines Mädchen, das Mädchen auf das ich mich soooo sehr gefreut hatte. Sie lag in ihrem Inkubator und ich fühlte einfach nichts. Gar nichts! Ich war leer und wollte sofort wieder weg. Ich konnte mir nicht erklären, warum ich so empfand. Das ging ganze drei Tage so. Am dritten Tag sagte mir eine Ärztin, dass sie unsere Lilly beatmet müsse, damit sie sich körperlich erholen kann. (Sie hatte von Anfang an selbstständig mit einer Atemunterstützung geatmet.) Zu diesem Zeitpunkt stand ich neben dem Inkubator und brach zusammen. Ich hatte keine Kontrolle mehr über meinem Körper. Ich sackte zu Boden und fing an zu weinen, nein, ich schrie! Die Ärztin fing mich auf und versuchte mich zu beruhigen. Sie rief direkt eine Psychologin an. Ab diesem Tag hatte ich endlich Müttergefühle. Ich weinte viel. Es war eine sehr anstrengende Zeit, die nach langen 5 1/2 Monaten zu Ende ging. In dieser Zeit hat unsere Tochter mehrmals dem Tod ins Gesicht geblickt. Aber sie hat gekämpft und den Kampf gewonnen. Ich bin so stolz auf sie.

Sie war unheimlich  tapfer! 6 Operationen lagen hinter ihr, aber sie hatte es geschafft. 6 Monate nach ihrer Geburt durften wir sie mit nach Hause nehmen. Völlig gesund!!! Sie ist unser Wunder, sie ist so ein Sonnenschein. Sie hatte von Anfang an unglaublichen Willen, den Willen zu leben. Ich bin so dankbar, dass sie uns nicht genommen wurde.

An alle Mamas da draußen, die vielleicht gerade selbst vor einer Frühgeburt stehen oder gerade eineFrühgeburt erlebt haben. Seid stark, stark für euer Kind! Und wenn ihr mal weinen wollt, lasst es raus, schreit auch mal. Es nimmt ein wenig den Schmerz und es gibt vor allem neue Kraft. Kraft, die man in dieser Zeit aufbringen muss. Der Tag wird kommen, an dem diese schrekliche Zeit ein Ende findet.

Kinder sind die wertvollsten Wesen, Kinder lieben bedingungslos.

Wenn ihr mehr über uns erfahren wollt, könnt ihr mir gerne auf meinem Blog www.fruehchenwunder.de oder bei  Instagram unter „fruehchenwunder“ folgen.

Conny




P.S.: Wenn auch ihr EURE Geschichte auf meinem Blog veröffentlichen wollt, meldet euch sehr gerne per E-Mail mit einer Kurzfassung unter info@loeckchenzauber.de!